
Pfarrer Kristóf Bálint, Septuagesimae, Jer 9, 22f
Liebe Gemeinde,
in diesen Tagen, in denen sich der gesellschaftliche Diskurs wie toll und zuweilen scheinheilig um die Frage dreht, was moralisch sauber und erlaubt ist, in diesen Tagen, in denen mancher mit dem Finger auf andere zeigt, ohne zu merken, dass drei seiner Finger gleichzeitig auf ihn selbst zeigen, in diesen Tagen hören wir Sätze wie „Heute muss man eben zuerst an sich denken, sonst kommst Du nicht weiter. Du bist ansonsten immer der Gebissene. Zeig was du kannst und übertreib ruhig ein bisschen. Hol so viel aus den Chancen heraus wie nur möglich, wenn nötig rücksichtslos.“
Diese Sätze entbehren nicht einer gewissen Logik und es ist gewiss nicht von ungefähr, dass die Selbstsucht als Teil der Völlerei (Gula) und die Eitelkeit als Teil des Hochmuts (superbia) zwei der Todsünden in der Lehre der alten Kirche sind (sehr eindrucksvolle und wenig bekannte Bilder gibt es dazu von Hieronymus Cock).
Gemäß dieser Logik kommen vor allem die Schönen, die Starken, die Durchsetzungsfähigsten, u.U. die Gewissenlosesten zum Zuge.
In beachtenswerter Weise prägt uns unser Umfeld in diesem Sinne, z.B. in der Werbung von Fernsehen, Funk und Zeitung, in der uns meist nur schöne, schlanke, anerkannte, durchsetzungsfähige und willensstarke Menschen begegnen, die genau wissen, wo es lang geht, wie Geld verdient und anlegt wird, ohne Zweifel alles Gewinnertypen.
Doch sind das die Menschen wie Du und ich? Ist das der sogenannte „Otto Normalverbraucher“? Erfahren wir nicht derzeit, dass die sogenannten Siegertypen oft ganz genau solch einfache Menschen mit all ihren Schwächen sind wie wir, sei es nun der Manager einer Firma, die in Konkurs geht oder ein ehemaliger Ministerpräsident, der alle möglichen Vergünstigungen erhielt, die wir auch gern hätten? Sie alle wirkten auf uns wie die Erfolgsmänner und -frauen der Werbung. Unerreichbar für uns scheinbar einfache Menschen.
Die alltägliche Realität zeigt uns, dass auch sie nur Menschen wie wir sind, dass viel von dem Glanz der Werbung nur ‚Scheinwelt‘ ist.
Worauf kann man sich dann noch verlassen? Was ist denn sicher in der Welt, was gibt uns in unserer ab und zu empfundenen Haltlosigkeit die notwendige Standsicherheit?
Unser heutiger Predigttext ist gut 2.500 Jahre alt und scheint dennoch genau auf diese Frage zugeschnitten zu sein. Er steht beim Propheten Jeremia, im 9. Kapitel:
„22So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“
Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Stimmt, wir haben in der Epiphaniaszeit (1. und 2. Sonntag nach Epiphanias) zwei Predigttexte von Paulus bedacht, in denen er den heutigen Predigttext zitiert (siehe Homepage/ Predigten).
Diese zwei Verse folgen seiner überaus harten Strafpredigt über das Volk Israel. Jeremia hat dabei kein gutes Haar an seinem Volk gelassen und, wie wir wissen, dafür nicht nur Lob bekommen, sondern ganz handfeste Prügel. Dennoch, er stand für Gottes Wort ein. Ein Wort, das heute noch unverbrüchlich gilt. So wie damals.
Dabei ist es ein scheinbarer Gegenentwurf zu unserer Wirklichkeit: der Kluge soll sich nicht seiner Weisheit, der Starke sich nicht seiner Stärke und ein Reicher sich nicht seines Reichtums rühmen. Warum eigentlich nicht?
Heute gilt doch: „Wenn du etwas kannst, dann posaune es in die Welt hinaus, möglichst so laut, das man den Menschen neben dir, der das Gleiche kann, nicht mehr hört. Du mußt zur Geltung kommen. Was gehen dich die anderen an?“
So entsteht ein heilloses Stimmengewirr wie auf einem Marktplatz, auf dem keiner den anderen versteht und wir aneinander vorbei reden.
Jeremia fordert hingegen: wenn du es nötig hast und dich rühmen willst, dann rühme dich der Klugheit, die allein darauf beruht, mich, den HERRN, zu kennen. Ich übe Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.
Passt das in unsere Zeit? Kann man das irgendwie einpassen in das Gefüge der scheinbar toleranten Gesellschaft, die in Wahrheit gar nicht so tolerant, sondern meist nur meinungs- und hilflos ist? Wie tolerant ist eine Gesellschaft, in der ca. ein Fünftel nationalsozialistische Aussagen für gesellschaftsfähig hält?
Ich mache die Erfahrung, dass viele sogenannte Toleranzerklärungen auf Unwissenheit und schlimmstenfalls auf Torheit beruhen. Ein anderes Beispiel: da erklären Politiker, dass man den Standort Deutschland sichern müsse, wofür genmanipulierter Mais oder große Tierställe unerlässlich seien, da dadurch Arbeitsplätze gesichert würden. Bei genauerem Nachdenken kämen sie so manchem noch unaufgeklärten Sachverhalt auf die Spur, der das Anpflanzen dieses Maises oder die Genehmigung überdimensionierte Ställe zumindest fragwürdig erscheinen lässt.
Doch es macht sich gut, mit Arbeitsplätzen auf Wahlveranstaltungen zu werben und Aktionismus vorzutäuschen. Dass diese nicht ausreichend abgewogenen Fragen womöglich auf Kosten unserer Kinder und Enkel gehen, die wegen des Genusses dieser Lebensmitteln nicht mehr auf Antibiotika u.a. Arzneien reagieren, wird in Kauf genommen.
Wie also diesen Satz Jeremias in unserer Zeit verstehen? Rühme dich der Klugheit der Kenntnis des Herrn. Jeremia bringt den Urheber aller Gaben in den Blick. Weder Weisheit, noch Stärke oder Reichtum sind Dinge, die sich der Mensch selbst verdankt.
Unser Glauben führt all dies auf unseren Schöpfer zurück, der uns das Leben gab und damit erst die Grundlage für alldas. Konkret gesagt: Niemand ist von sich aus klug und könnte sich etwas darauf einbilden, denn die Klugheit ist ihm als Gabe verliehen. Niemand ist von sich aus stark, es ist seine Gabe, die er nur bedingt sich selbst verdankt und beeinflussen kann u.s.w.
Jeremia sagt etwas, das immer wieder Thema der biblischen Schriften ist: Mensch, Du bist ein Geschöpf, nicht der Schöpfer. Du bist zu Deinem eigenen Glück beschränkt. Du musst also nicht alles können. Du mußt nicht perfekt sein. Du bist jedoch in aller und sogar trotz Beschränkung von Gott geliebt.
Das genau beschreibt den Gegenentwurf zur Werbewelt unserer Tage: Wichtig ist nicht der richtige Weinbrand, das modische Sakko, das neueste Auto. Wichtig ist, dass du ganz und gar angenommen bist, ohne Vorleistungen und Bedingungen. Dein Glaube ist das Wichtige, denn nur mit ihm kannst du die ausgestreckte Hand Gottes erkennen und ergreifen.
Jesus sagt bei verschiedenen Heilungen, von denen das NT berichtet: „Dein Glaube hat Dir geholfen“ (Mt 9,22; Mk 10,52;Lk 7,50), d.h. Gottes Handeln hofft auf unsere Antwort, auf unseren Glauben.
Glaube verleitet uns nicht zur Prahlerei (I Kor 1,31), sondern er setzt uns ins rechte Verhältnis zueinander und zu Gott. Denn wenn ich erkenne, dass nicht nur ich Gaben habe, sondern auch andere, wenn ich erkenne, dass ich mir meine Gaben nicht selbst verdanke, sondern der Beschenkte bin, dann wird sich meine Haltung ändern, dann werde ich meine Ellenbogen nicht nach rechts und links ausfahren, sondern werde den Menschen zugewandter sein. Denn auch mein Nächster hat Gaben, er ist ebenso wertvoll und wichtig wie ich. Jeremia geißelt die Selbstsucht und sozialen Missstände bei seinem Volk. Er hätte heute ebensoviel zu sagen, wie zu seiner Zeit.
Wenn wir die Forderung Jeremias zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung erhöben, dann würde unsere Welt friedlicher. Weil ein Mensch, der sich und seine Gaben sich nicht selbst zu Gute hält, bescheidener, stiller und damit aufmerksamer und rücksichtsvoller wird.
Er hat es dann nicht nötig, auf sich und sein Können zu verweisen, denn er weiß um seinen Wert, er weiß, dass er von Gott angenommen ist und kann anderen Menschen das Gleiche zugestehen.
Der Kreislauf der Selbstdarstellung und Imagepflege wäre durchbrochen, ein mitmenschlicheres Miteinander die Folge. Und damit wäre auch die Sprengkraft, des unser soziales System bedrohenden Sätze vom Anfang meiner Predigt durchbrochen.
Wenn wir alle lernten, nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Nächsten zu sehen, dann wäre diese Welt, mit ihren Möglichkeiten und Aufgaben eine große Chance für uns, nämlich Gott und seinem Auftrag zu entsprechen, diese Welt zu bewahren und zu beschützen.
Wir entsprächen damit unserer Bestimmung, von der der biblische Schöpfungsbericht weiß und wären wirklich Ebenbild (eikon) der Liebe Gottes. Gerade dazu hat uns Gott berufen (Röm 8,28).
Gott will die Haltung des Menschen in der Position der Nabelschau, des ‚in sich selbst verkrümmt sein‘ wie Luther sie nannte („homo incurvatus in se ipsum“), aufbrechen.
Wenn wir Jeremia und unseren Glauben ernst nehmen, dann dürfen wir die „Sätze dieser Zeit“ nicht stehen lassen, dann müssen wir unser Christsein so leben, dass solche Gedanken durch unser Handeln als falsch erwiesen werden. Dann können wir nicht so weiter machen, weil es schon immer so war, dann müssen wir Farbe bekennen, wenn rassistische Witze erzählt werden usw.
Denn Gott will, dass alle Menschen leben, dass alle Menschen gut miteinander leben und sie sich untereinander zum Nächsten werden, also gerade nicht sich selbst der oder die Nächste sind, sondern jeweils ihrem Mitmenschen. Amen.
| Evangelische
Kirchengemeinde Stotternheim |
Pfarramt Stotternheim
Karlsplatz 3 99195 Stotternheim |
Tel: (036204) 52000,
Fax: (036204) 71758 Mail: Pfarramt@kirche-stotternheim.de |

