Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint (gelesen von Dr. Bernd Schalbe), Letzter Sonntag nach Epiphanias, Apk 1, 9-18

Liebe Gemeinde,

in seinem erst post(h)um veröffentlichten Buch „Die Stadt in der Wüste“ hat Antoine de Saint Exupéry einen mich sehr beeindruckenden Satz geschrieben, der für meine Arbeit als Pfarrer sehr prägend geworden ist: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit zu erleichtern, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem endlosen weiten Meer.“

Das nenne ich eine kluge Anleitung für gelingende, motivierte Arbeit. Denn wer einmal eine Sehnsucht verspürt, der wird Vieles auf sich nehmen, um sie zu verwirklichen. Visionen beflügeln uns, Visionen setzen ungeahnte Kräfte in uns frei, Visionen lassen uns über uns hinauswachsen.

Wir Menschen brauchen Visionen: ohne Sie wäre Deutschland nicht aus den Ruinen auferstanden. Wir brauchen Visionen: z.B. bei der  Restaurierung des Gemeindehauses, der Gestaltung des kirchlichen Friedhofes, in der Liebe und ihrer Entfaltung, ebenso in der Firma. Visionen sind gut und hilfreich.

Visionen können aber auch bedrücken, denn sie sind nicht immer positiv. Das AT berichtet von Visionen der Propheten. Die hatten es damit nicht leicht, denn manche der Visionen war ausnehmend freudlos, wenn ich z.B. an die Gerichtsprophezeiungen des Jesaja (z.B. Jes 1), oder bisweilen auch etwas furchteinflößend, wenn ich an die Auferstehung der Totengebeine bei Ezechiel (Hes 37) denke.

Visionäre und Propheten hatten es immer schwer, denn die Menschen ärgerten sich über die Worte und glaubten ihnen nicht: das ging Jesaja  und Ezechiel nicht anders, als Thomas Münzer oder Hildegard von Bingen. Viele Visionäre haben sogar ihre Vorhersagen mit dem Leben bezahlt: Martin Luther King beispielsweise. Visionen können zuweilen lebensgefährlich sein.

Das Schwierige an Visionen ist, dass sie sich erst als wahr erweisen müssen und dann ist es für den Propheten oder den Visionär vielleicht schon zu spät: er wurde verfolgt und bedrängt oder ist gestorben. Er erlebt die Erfüllung der Bilder nicht mehr, die in ihm erstanden waren.

Es gibt auch Menschen, die sich selbst zum Visionär berufen fühlen und eigentlich nur Selbstdarsteller sind. Schon im AT wird vor falschen Propheten gewarnt, Propheten, die alles schön reden und gut heißen, aber dies nur aus Eigennutz tun oder einem Herrscher zum Gefallen (Dtn 13, Hes 13, Mi 3, Mt 24,11), die den wahren Propheten gegenüberstehen und diese in einem falschen Licht dastehen lassen und dem Worte Gottes nicht zur Geltung verhelfen.

Das Problem ist: erst im Nachhinein erweist sich, ob jemand eine Vision hatte, die ihm von Gott zugekommen ist oder ob er nur sein eigenes Wunschbild entfaltet oder sich selbst dargestellt hat.

Visionen sind aber nichts als Schall und Rauch, wenn es nicht Menschen gibt, die sie hören und sich von ihnen ansprechen lassen. Spräche jemand eine Vision aus und niemand wäre da, der sie hörte, hätten die Worte und Bilder keine unmittelbare Wirkung.

Visionen brauchen also zweierlei: Menschen, die sie haben und Menschen, die sich von ihnen ansprechen lassen und an sie glauben. Beiden ist eines gemein, sie müssen von dem Bild, das in ihnen wach wird, überzeugt sein. Sie müssen darauf vertrauen, es für wahr halten.

Gerade darin liegt aber die Schwierigkeit, denn wir Menschen glauben oft nur das, was wir sehen. Das ist zur Zeit der alttestamentlichen Propheten nicht anders gewesen als in unserer Zeit.

Eine Vision ist auch Thema unserer heutigen Predigt. Sie steht im letzten Buch der Bibel, dem Buch der Offenbarung, das vielen Menschen ein Buch mit sieben Siegeln (51) ist.
9Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. 10Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, 11die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. 12Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 14Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme 15und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; 16und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 17Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Wir hören die Berufungsgeschichte des Sehers und Visionärs Johannes. Er wird von Christus, dem Menschensohn (Dan 7,13, auch 1.äthiopHen 46 und 4. Buch Esra), berufen. Seine Legitimation ist sozusagen, nicht selbst Dinge zu sagen, sondern, wie die alttestamentlichen Propheten, Gottes Wort zu verkündigen.

Johannes soll aufschreiben, was er sieht und an sieben Gemeinden schicken. Sieben ist die Zahl der Vollendung und der Vollkommenheit. Sieben Gemeinden an der großen Römerstrasse von Ephesus über Smyrna nach Pergamon, von dort nach Thyatira, Sardes, Philadelphia nach Laodizea. Sieben Orte mit Gerichtsplätzen und starkem Kaiserkult. Sieben Orte, an denen Christen wie überall im Land in Gewissenskonflikte kommen konnten, weil man sie zwang, den Kaiser anzubeten oder in Gefangenschaft zu geraten – wie Johannes!

Die Sterne in seiner rechten Hand sind, wie Vieles in diesem Text, symbolisch zu deuten: im Kaiserkult galt das Sternbild des kleinen Bären, das aus sieben Sternen besteht, als Zeichen der Macht. Hier wird, unverhohlen und doch verborgen, deutlich gesagt: Christus ist der wahre Weltenherrscher, nicht der Kaiser.

Johannes lässt sich also das Predigen nicht verbieten, selbst in der Verbannung auf der Insel Patmos bleibt er sich treu und legt Zeugnis von seinem Glauben ab. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“

Das wird auch deutlich in dem Bild vom zweischneidigen Schwert. Sein Wort scheidet Gut von Böse, sein ist das Gericht, sein ist die Macht. Wenn sich auch das Römische Reich machtvoll gebärdet, es ist nur eine vorläufige Macht, die letztlich der Macht Gottes untergeordnet werden wird.

Was soll uns dieser Text heute, im Jahre 2012, sagen? Auf den ersten Blick wirkt er wie aus einer anderen Welt. Wir haben uns am Anfang der Predigt bewusst gemacht, dass das bei Visionen so ist. Sie müssen sich erst als diesseitig und wahr erweisen. Ein geschichtlicher Rückblick zeigt, dass das römische Reich nach diesen Visionen des Johannes nach und nach an Macht verlor und unterging.  

Nun gut, aber was hat das mit uns zu tun? Wie kann diese Vision in unser Leben hier in Stotternheim hinein sprechen?

Wenn wir genau und aufmerksam wahrnehmen, dann können wir auch in unserer Zeit Mächte wahrnehmen, die die Menschen wie das Römische beherrschen. In unserer Zeit ist es keine politische Macht, die die Weltherrschaft hat, sondern es ist das Geld, das Kapital, das die Macht über die Welt scheinbar oder wirklich übernommen hat. Alles scheint ihm untergeordnet zu werden, nichts ist vor seinem Diktat sicher: weder das Verhältnis der Menschen in Familien, in Dörfern und Städten, noch die Arbeitsplätze oder die sozialen Zugeständnisse der Gesellschaft an ihre schwächsten Glieder, die bislang immer ermöglicht wurden und wieder und wieder zur Disposition stehen.

Wenn wir den Ausschnitt dieser Vision des Johannes, denn sie geht ja noch 21 Kapitel weiter, auf unsere Gesellschaft übertragen, dann heißt das nicht mehr und nicht weniger als: beugt euch nicht den Mächten dieser Welt. Seid standhaft und aufrecht in eurem Glauben, denn die entscheidende Macht hat Gott allein!

Nun sind unsere Verhältnisse nicht mehr mit denen des Johannes vergleichbar, niemand wird bei uns (im Gegensatz zu islamischen Ländern, in denen Christsein schon bisweilen einem Todesurteil gleichkommen kann) mehr wegen seines Glaubens benachteiligt oder gar verfolgt. Aber es ist noch gar nicht so lange her, dass sich auch bei uns im Osten Christen einer subtilen Verfolgung und Ausgrenzung ausgesetzt sahen.

Die Macht des Geldes beginnt uns Menschen zu verändern, wenn wir nicht aufpassen und uns ihrer schleichenden Wirkmächtigkeit nicht bewusst entziehen und ihr widerstehen.

Wo früher selbstverständlich geholfen wurde, fragen sich heute Viele nach dem Nutzen und verweigern u.U. notwendige Hilfe. Wo sich Menschen einander zuwandten, sagen sie heute: „mir schenkt doch auch keiner etwas: ein Lächeln, ein Dankeschön.“ Viele merken dabei nicht einmal, wie sie immer ärmer werden: ärmer an Freude am Leben, ärmer an Mitmenschlichkeit, ärmer an Mitfreude und Mitleid, arm in ihrem Menschsein.

Johannes auf der Insel Patmos spricht zu uns, auch in unserer Zeit hat er uns etwas zu sagen: Vertraut nicht auf die Mächte dieser Welt, vertraut allein auf den Glauben an Gott. Gott war am Anfang und er ist das Ende. Gott bejaht unser Leben, selbst dann, wenn wir es selbst nicht bejahen können. Er reicht weit über unsere Begrenztheit hinaus, er ist der Erste und der Letzte, vor allem ist er der Lebendige, der sich durch Nichts und Niemandem für tot erklären lässt. Gott trägt euch durch alles, was euch widerfährt, hindurch.

Durch ihn haben wir Anteil am Leben über das Leben hinaus, durch ihn wird unser Leben wertvoll - selbst in Bedrückung und Not. Seine Gegenwart macht uns und unser Leben wertvoll. Das gibt uns den Sinn in einer Welt, die zwar weiß, was Vieles kostet, aber den Wert von Leben zu sehen verlernt hat, die so Viel hat und damit dennoch unzufrieden ist.

Wenn uns die Botschaft des Johannes erreicht, dann sind wir schon reich beschenkt, dann sehen wir in unserem Nächsten die Person, die unser Leben reicher macht, dann sehen wir in allem Gottes Gegenwart und Wirken, dann sind  wir in guter Weise verklärt, dem Thema (Proprium) des heutigen Sonntags. Amen.