Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, 2. Sonntag nach Epiphanias, I Kor 2, 1-10

Liebe Gemeinde,

in diesen Tagen, in denen ausgerechnet die BILD-Zeitung die scheinbar letzte wehrhafte Bastion der „Verteidiger der Wahrheit“ zu sein scheint, in denen Journalisten selbst bei Kurzbesuchen mit einer Übernachtung bei Freunden, diesen generös einen Hunderteuro-Schein zustecken und sich selbstverständlich, für alle Fälle, die Übernachtung quittieren lassen, in diesen Tagen, in denen jeder vom anderen alles wissen, von sich selbst aber nichts preis geben will und dies wechselweise mit Recht auf Information bzw. Recht auf Selbstbestimmung begründet, in diesen Tagen kommt unser Predigttext wie ein Monolith, geworfen von Obelix dem Gallier, mitten in unser beschauliches Dorf Stotternheim und schlägt hart auf.

Es ist einer dieser Texte, die Wichtiges so sagen, dass das Lesen richtig Arbeit ist. Lesen wir also ruhig nach und schmecken wir die Worte und lassen uns nicht einreden, was unsere Meinung ist. Paulus schreibt an die Korinther:

1Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. 2Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. 3Und ich war bei euch  in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, 5damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. 6Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“ 10Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Wem diese Gedanken irgendwie bekannt vorkommen, der liegt nicht falsch, denn letzten Sonntag hatten wir schon einmal dieses Thema und unser Predigttext heute klingt nicht nur wie eine Fortsetzung des Gedankens von letzter Woche, sondern es sind auch ganz genau die, an den Text von letztem Sonntag anschließenden Verse. Letzte Woche: Gott zeigt sich dem Geringen und Schwachen, damit niemand sich selbst, sondern alle nur Gott rühmen.

Heute die Fortsetzung, zwar nicht in so vielen Teilen wie „Sturm der Liebe“, aber ebenso spannend, denn dieser Text bürstet nicht nur in der Welt der Antike gegen den Strich sondern auch in unserer Zeit.

Kurz zusammen gefasst könnten wir Paulus sagen hören: „Ich habe euch den Glauben nicht intellektuell beschrieben, sonst glaubtet ihr noch, er hätte etwas mit Klugheit zu tun. Glauben kann jeder, ob klug oder nicht! Gott selbst bringt sich zu Wort. Seine Weisheit ist nicht unsere Weisheit. In seiner Weisheit gibt es Geheimnisse, die mit unserer Klugheit nicht zu ergründen sind. Wer mit seinem Verstand glauben will wird daran scheitern. Gottes Weisheit birgt Geheimnisse, die Menschen verstandesmäßig nicht begreifen können. Nur Gottes Geist lässt uns diese Dinge erkennen.“

Für viele Menschen ist heutzutage der Glaube suspekt, weil ihnen in einer intellektuellen Abwärtsbewegung von der Aufklärung bis zum Staatsbürgerkundeunterricht gesagt wurde: Der Glaube versucht Dinge zu erklären, die sich der Geist nicht erklären kann. Ergo hat Gott nur an den Grenzen des Verstandes eine Berechtigung oder bei Menschen, denen es an Verstand mangelt.

Letzteres wurde in den beiden deutschen Diktaturen gern behauptet, wenngleich es schon durch die bloße Geschichte des Christentums wiederlegt ist, in der so viele kluge Dinge geschaffen und erfunden wurden, wie in keiner anderen Zeitepoche Europas.

Kritischer ist schon zu sehen, was gelegentlich unter Christen wirklich zu beobachten ist, nämlich, dass sie nur dort an Gott glauben, wo ihr Verstand keine andere Erklärung bietet.

Dietrich Bonhoeffer hat zu Recht darauf hingewiesen, dass diese Form des Glaubens die latente Gefahr in sich birgt, dass Gott, je mehr wir von den Zusammenhängen in dieser Welt verstehen, umso weiter aus ihr herausgeschoben und damit scheinbar überflüssig wird.

Paulus sagt dazu „Nein“. Er, der ein einfacher Zeltmacher und gleichzeitig hochintelligenter Kopf war, betont: unser Verstand vermag Gott nicht zu erkennen. Ich habe euch ganz bewusst den Glauben nicht mit klugen Worten beschrieben, sonst denktet ihr wohlmöglich noch, dass Glauben eine Sache der Vernunft ist. Dann hätten die Hirten und Fischer (Predigt vom letzten Sonntag) wohlmöglich nie glauben können.

Glaube ist eine eigene Ebene, Glaube ist anders, weil Gott „der ganz Andere“ ist. Er bringt sich selbst ins Gespräch, er wirkt Verstehen, Wahrnehmen, Schauen und Glauben, wie auch immer es in der christlichen Geschichte benannt wurde.

Das ist übrigens eine Entwicklung, die uns Wissenschaftler auf ihre eigene Art und entgegen der ehemals staatstragend atheistischen Erklärung der Welt, bis heute bestätigen: Je mehr Bereiche die Wissenschaft erforscht, umso unglaublicher wird es, dass diese Welt ohne Gott geschaffen wurde. Es müssten physikalisch gesehen so viele „Zufälle“ zusammenkommen, damit unsere Welt entstehen kann, dass das wiederum allein statistisch kein Zufall sein kann, sondern Fügung sein muss, oder nennen wir es Schöpfung.

In einem Radiointerview, unterwegs im Auto, hörte ich unlängst einen Wissenschaftler begeistert von seinem Fach und seiner Forschung sprechen und plötzlich sagte er: „Es ist mir bei allem Forschen jedoch immer mehr ein Rätsel. Wir lösen eine Frage und es stellen sich uns zehn neue Fragen.“ Der Mensch kann die Welt letztlich und nicht endgültig erklären, denn er ist Teil von ihr, er ist Geschöpf.

Die Mystiker haben auf ihre eigene Weise von Gott gesprochen, eben mystisch, denn sie wussten, dass Gottes Sein unaussprechbar ist.
Jedes Mal, wenn wir Gott in Worte zu pressen versuchen, merken wir, wie unsere Worte aufsprengen wie unsere Kleidungsknöpfe nach zu vielen reichhaltigen Mahlzeiten in den Weihnachtstagen.

Wer glaubt, Gott und den Glauben an ihn in Worte packen zu können, hat vom Wesen des Glaubens noch nichts verstanden. Nur wer bewusst vorläufig von ihm spricht und nicht meint, ihn wirklich treffend zu beschreiben, der kann in aller Vorläufigkeit seinem Glauben einen Ausdruck geben. Rede von Gott ist immer vorläufige Rede. Sie läuft dem zuvor, der nicht beschrieben werden kann.

Warum aber ist es Paulus so wichtig, unsere Klugheit vom Glauben zu trennen? Nicht weil er sagen will, dass Glaube nur etwas für Dumme ist, sondern, weil er betonen will, dass Glaube weder auf das Gefühl noch auf den Verstand allein zu reduzieren ist.

Wenn ich meine Frau/ meinen Mann über die Wange streichele, dann ist das in der Regel kein Akt intellektueller Denkübung. Ich tue das, weil mir mein Gefühl das sagt. Glaube aber ist keine Sache des Gefühls allein, den ich nur dann übe, wenn mir gefühlt danach ist.

Wenn ich scharf nachdenke und die Summe meines Handelns sogar die Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte („Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ Immanuel Kant), dann ist das ein kognitiver Vorgang. Ich überlege, was richtig ist und handle danach. Ich tue das, weil mir mein Verstand das sagt. Glaube aber ist keine Sache des Verstandes allein, den ich nur dann gebrauche, wenn es mir einkommt und ich ihn anwenden will.

Glaube ist nicht allein Gefühl und Glaube ist nicht allein Verstand, sondern Glaube ist ein Geschehen eigener Art (sui generis), das den ganzen Menschen umfasst, weil er eben als ganzer Mensch Ebenbild Gottes ist und nicht nur „Kopf“ oder „Bauch“.

In diesem Sinne will Paulus die Korinther gewinnen, den Glauben als etwas zu verstehen, dass sie sich nicht aneignen können. Glaube benötigt nicht einen bestimmten Intellekt.

Unsere Weisheit befähigt uns nicht, Gott im Glauben zu begegnen. Wir können auch niemanden zum Glauben überreden oder ihn überzeugen. Glaube wächst in uns oder er verkümmert, weil wir uns „zu“ machen, kein Licht und keine Luft an ihn kommen lassen, so dass er, einer Pflanze gleich, vergeht.

Gottes Weisheit ist nicht von dieser Welt. Sie ist nicht verfüg- oder erlernbar. Sie entspringt der Kraft Gottes. Sie wird in dieser berechnenden Welt womöglich auch als einfältig angesehen, aber das macht ihr nichts aus. Sie ist nicht angewiesen auf Anerkennung von Menschen. Sie ist, was sie ist.

Sie gibt nicht, wie viele Menschen, von sich etwas vor, das nicht stimmt. Sie ist – geheimnisvoll und unergründbar. Sie erweist sich selbst und erschließt sich dem, der sich auf sie einlässt. Sie ist uns nicht verfügbar, denn Gottes Geist offenbart sich wo und wie er will. „9Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben. 10Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“

Glaube ist Bestandteil des Menschen, jeder ist Ebenbild Gottes, ob er es schon erkannt hat oder nicht. Offenbar wird es jedoch nur dem, der sich darauf zu Lebzeiten schon einlässt. Der sich öffnet und sagt: Ich vertraue auf Dich, ich überlasse mich Dir. Durch meine Taufe bin ich Dein Eigen. Ich weiß, Du sorgst für mich.

Meister Eckhardt hat einen Satz gesagt, der mein Leben in besonderer Weise begleitet und den ich Ihnen heute mitgeben möchte: „Nimm Dich selber wahr, und wo Du Dich findest, da lass Dich.“

Ich glaube, dass es uns vor allem daran mangelt, uns selbst zu lassen. Wir sind so sehr damit beschäftigt, wichtig zu sein, bedeutsam zu sein, anerkannt zu werden, dass wir gar nicht merken, dass wir gar nicht bei uns sind.

Nicht umsonst gibt es am Anfang jedes Gottesdienstes diese Zeit der Stille und des Gebets, damit wir da sind und uns lassen können, damit Gott uns aufsuchen und finden kann.

Glauben heißt sich lassen, heißt sich einzulassen und sich auf den zu verlassen, der alles in Allem ist. Das geht nicht halb und schon gar nicht halbherzig. Das schützt uns auch nicht vor Widerfahrnissen die uns bedrücken, ängstigen oder zweifeln lassen.

Unser Glaube aber ist der Sieg, der die Welt überwunden hat (I Joh 5,4). Deshalb muss uns nicht bang sein, was auch kommen mag. Dann können wir jeden Tag mit dem Lied auf den Lippen in unserem Alltag gehen:


Von Gott will ich nicht lassen,
denn er lässt nicht von mir,
führt mich durch alle Straßen,
da ich sonst irrte sehr.
Er reicht mir seine Hand;
den Abend und den Morgen
tut er mich wohl versorgen,
wo ich auch sei im Land.
(EG 365)

Amen.