
Pfarrer Kristóf Bálint, 1. Sonntag nach Epiphanias, I Kor 1, 26-31
Liebe Gemeinde,
nicht jeder Mensch ist ein guter Verkäufer oder ein guter Versicherungsagent. Dem einen liegt es, Schuhe so zu verkaufen, so das man am liebsten gleich drei Paar kaufen möchte, eine andere vermag Menschen ernst zu nehmen und sich Ihnen zuzuwenden und ist die geborene Krankenschwester oder Ärztin.
Wir sprechen dann gelegentlich von der Berufung eines Menschen. Das Wort „Berufung“ (es oszillierte ursprünglich zwischen den Bedeutungen von „vocatio“, „appelatio“, „proclamatio“ bis „provocatio“) ist in der deutschen Sprache unserer Tage meist nur noch in einer eingeengten Bedeutung im Gebrauch. Es wird in Zusammenhang mit Erwerbstätigkeit gebraucht, die zum Lebensunterhalt notwendig ist und mit Blick auf Lehrstühle, auf welche noch „berufen“ wird (früher galt das noch für viel mehr Berufe: Propheten, Bischöfe, Superintendenten u.a.).
Dann kennen wir es noch gelegentlich von Gerichtsverhandlungen, wenn sich jemand auf einen anderen beruft und ihn damit in das Verfahren einbezieht, ihn zum Mitwisser oder –täter macht.
Ganz selten noch, kommt es in seiner ursprünglichen und im Wort noch erkennbaren Bedeutung vor: für etwas befähigt und damit für diese Aufgabe förmlich vorbestimmt zu sein. Oder umschreibend: auf einen Platz berufen zu werden, der im gewissen Sinne vorbestimmt ist, weil die Talente den einzelnen gerade dazu befähigen.
Das Wort Berufung meint also die Gaben, die dem einzelnen gegeben sind und die ihn von der Menge, der an dieser Stelle unbegabten, unterscheiden, d.h. ihn aus dieser Masse geradezu herausrufen. Wir alle haben irgendeine Gabe, die uns aus der Menge vieler Menschen heraushebt. Es kommt in unserem Leben nun darauf an, diese Gabe zu entdecken und zu entfalten, damit sie unsere Berufung werden kann und auch anderen nützt.
Doch warum erzähle ich das alles? Es hängt mit dem wichtigsten aller Apostel und seinem Brief an die Korinther zusammen, aus dem der heutige Predigttext stammt. Paulus schreibt dort:
26Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. 27Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; 28und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, 29damit sich kein Mensch vor Gott rühme. 30Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, 31damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!“
Die Sätze des Paulus, die im Deutschen vergleichsweise einfach zu verstehen sind, im Gegensatz zu seinem komplizierten Griechisch, haben ihre Schwere. Jemand, der Paulus liest und nicht gleich beim ersten Mal versteht, sollte wissen, dass es nicht an ihm, sondern an der Gabe der Verschachtelung liegt, die Paulus u.a. auszeichnete. Wenn man aber seine Sätze lange genug anschaut und meditiert, dann wird die unglaubliche Tiefe seiner Gedanken erlebbar. Sie ist ein kaum ausreichend wägbarer und zu würdigender Schatz.
Paulus setzt sich mit dem, von seinen Zeitgenossen und bis in unsere Tage hinein gern gepflegten Vorurteil auseinander, dass nur törichte und dumme Menschen an den auferstandenen Christus glauben würden und verwandelt dieses scheinbar unschlagbare und gegen die Christen vorgebrachte Argument genau in sein Gegenteil. Er sagt: Nicht viele Weise, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas zu sein vorgibt, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.
Das es die einfachen Menschen sind, die zuerst an Gott glaubten, die Hirten, die Zeltmacher, die Fischer, das ist Bestimmung und Berufung Gottes mit dem Ziel, genau die Eitelkeit des Menschen, der sich selbst gern sein Wissen zuschreibt, zunichte zu machen. Denn der Mensch, der sich auf sich selbst verlässt, der meint, sich selbst genug zu sein, der ist, in den Grenzsituationen des Lebens, verlassen.
Matthias Claudius beschreibt solche Menschen schon 1779 sehr treffend:
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolzen Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel. (EG 482. 3f)
Der Mensch hat keinen Halt in seinem Selbst. Je mehr wir uns unser Wissen zugutehalten, umso weiter kommen wir von unserem Ziel, von Gott weg, umso hoffärtiger werden wir.
Der Mensch ohne Gott ist allein. Er ist ohne Gegenüber, ohne Ebenbild, ohne Grund, ohne Halt. Ist er ohne Gott, dann wird ihm die Welt und letztlich er selbst Gott-los. Das ist ein wichtiges Kriterium unserer derzeit erlebten Welt, sie wurde in vielen Bereichen gottlos, weil sie Gott nicht nötig zu haben meinte und an sich selbst genug hatte.
Nach menschlichen Kriterien mögen die Christen in Korinth nicht weise, nicht mächtig, nicht angesehen gewesen sein. Doch gerade das spricht für sie. Denn sie werden gewiss nicht auf sich und ihr Wissen, ihre Macht, ihr Ansehen schauen und sich selbst anbeten und für wichtiger nehmen als sie sind. Die Tatsache, dass sie nach menschlichem Ermessen einfache Geister und Gemüter sind, zeigt doch vielmehr die Wirklichkeit und Vollmacht Gottes, der durch und in dieser Einfachheit wirkt.
Gerade an Ihnen wird Gottes Weisheit, Gottes Macht und Gottes Stärke offenbar. Nicht wir selbst sind es, die wir Gott groß machen müssen, sondern Gott macht sich in und durch uns selbst groß.
Einfache Hirten sind es, die die Botschaft von der Geburt Jesu in die Welt tragen, die sich damit grundlegend verändert. Sie erfahren vor den weisen Männern von der Geburt.
Einfache Fischer sind die Jünger und späteren Apostel, sind Zeugen für die Wirksamkeit Gottes in der Welt.
Der Zeltmacher Paulus ist es, der die Botschaft Jesu aus dem Raum Palästina nach Europa bringt (Act 16,9).
Und die Bewegung einfacher Menschen ist es, aus der sich in den folgenden Jahrhunderten der prägende Glaube des Abendlandes entwickelte.
Gott wird gerade in dem Schwachen mächtig (Jahreslosung 2012). In dem, dem es keiner zutraut, der von allen verlacht und verachtet wird. Und damit verwandelt sich der, nach menschlichen Kriterien machtlose und törichte Mensch. Gott braucht die menschlichen Attribute nicht um einen Menschen für wertvoll zu befinden. Er ist es, weil er mit ihm in Verbindung steht, sein Ebenbild ist. Gottgewollt.
Paulus schreibt: Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!“
Lieber Mensch, sei dir bewußt, dass du nur bist, was du bist, durch Gott. Du hast weder Weisheit, Klugheit oder Mächtigkeit Dir selbst zu verdanken. Es ist dir als Gabe, als Talent gegeben.
Gehe damit um, wie mit einem Geschenk. Nutze es, aber nicht gegen andere, um dich vor Ihnen zu brüsten, dich zu rühmen und selbst groß und sie damit klein zu machen. Nutze es für andere, und mache Dir und den anderen immer wieder deutlich, dass du diese Gaben Gott verdankst.
Lass ihm den Ruhm zukommen und (be)ziehe ihn nicht auf Dich, denn du weißt, Du kannst nichts Entscheidendes dafür. Du verstehst Mathematik/ kannst gut zuhören/ bist ein guter Verkäufer, weil es Dir geschenkt ist.
Paulus, der Menschenkenner, spricht genau diesen Hang des Menschen zur Selbstrühmung an, den Selbstruhm, den er für die Sünde hält. Denn die Sünde trennt uns von Gott und letztlich zugleich von einem erfüllten, sinnvollen Leben.
Leben mit Gott läßt uns realistisch werden, läßt uns erkennen, dass wir Geschöpfe sind, die der Erlösung bedürfen, denn das unser Leben viele Unzufriedenheiten, viele Unzulänglichkeiten enthält, das können wir nicht verbergen – am wenigsten vor uns selber.
Wir können uns nicht selbst begründen, so wie wir uns nicht selbst erlösen können. Wir bedürfen der Annahme durch unseren Nächsten, vor allem aber der Annahme durch Gott, dessen Geschöpfe wir sind. Da ist kein Platz zum Selbstruhm, denn dieser verstellte uns den Blick dafür, dass wir alles nicht uns selbst verdanken, sondern, dass wir Beschenkte sind.
Diese Tatsache macht uns nicht klein oder abhängig. Sie macht uns vielmehr selbstkritisch und realistisch, sie verhindert den Größenwahn, der uns Menschen immer wieder beschleicht: wenn wir uns aufschwingen, Gott gleich werden zu wollen und uns selbst zu genügen.
Nein, sagt Paulus. Wir sind Menschen, wir sind Geschöpfe. Wenn wir aber begrenzt sind, dann wollen wir diese Begrenzung annehmen, denn sie schützt uns vor Vielem, vor allem vor dem Größenwahn.
Wir müssen uns nicht selbst erlösen, sondern wir sind bereits Erlöste, wir sind von Gott zum Leben Gerufene und zum Dienst an und in der Welt Berufene.
Nutzt die Chance und lebt Euer Leben so, dass es für eure Mitmenschen zum fröhlichen Beispiel wird, dass sie interessiert macht und zu Gott führt. Ihn gilt es zu loben, er ist der Schöpfer der Erde und der Menschen. Ihm allein gebührt der Ruhm. „Wer sich rühme, der rühme sich des Herrn.“
Dann können wir voll kindlichem Vertrauen mit Matthias Claudius singen:
Gott, lass dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
lass uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.(EG 482. 5)
Amen.
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