Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, Neujahrstag (Tag der Beschneidung und Namensgebung Jesu), Jos 1, 1-9

Liebe Gemeinde,

können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie zum ersten Mal an einem Fluss- oder Bachlauf standen und hinüber wollten? Vermutlich waren es vergleichsweise kleine Rinnsale und wir können noch die Aufforderung unserer Eltern oder Spielgefährten hören, doch hinüber zu springen und „keine Memme“ zu sein.

Je größer wir werden, umso breiter werden die Gräben die wir überwinden können, doch mancher Graben ist gar so garstig, dass wir dennoch davor scheuen.
Als Erwachsene lesen wir von großen Flüssen, über die Fährmänner die Wegreisenden schiffen, so z.B.  in einem der ältesten Texte der Weltgeschichte, dem sumerischen Gilgamesch-Epos, in dem der Fährmann Ur-sanabi den König Gilgamesch über den Fluss des Todes schippert.

Bekannter als dieser Text und die vergleichbaren aus der ägyptischen Mythologie ist der Fährmann Charon, der die Seelen der Toten über den Styx (eigentlich Acharon) zum Totengott Hades geleitet.

Die christliche Ikonographie kennt die Geschichte von Reprobus bzw. Offerus, der Christus durch eine Flussfurt trug und zum Christusträger, griech. Christopherus, wurde, dem Lehnwort des schönen Vornamen Christoph/Kristóf.  

Mancher Fluss kann ganz schön breit sein und so überwinden ihn Brücken, doch die waren ursprünglich spärlich vorhanden und kosteten in der Regel, wie die Fährmänner oder Flussträger, Geld.

Auch manches Problem, das wir ein unüberwindbares Hindernis vor uns fließt und gelöst, d.h. im Bilde gesprochen, übersprungen werden muss, kostet viel – Erfahrung und Angstschweiß.

Auch in unserem Leben tauchen reale und bildliche Flüsse auf, sie können uns wegreißen, uns untergehen lassen, doch wer es geschickt anstellt wird von Ihnen getragen und kommt gut auf ihnen gut voran.

Unser heutiger Predigttext, der aus dem Anfang des 2. Teils der hebräischen Bibel stammt, sozusagen von der zweiten Schriftrolle (die erste ist die Tora, die dritte die Weisheitsschriften), den sogenannten Neviim (Propheten), ist die Einleitung in die Zeit nach Mose, die mit der Tora, den fünf Büchern Mose, endet.

Wie geht es weiter, denn Mose, der bisherige Anführer ist tot, Josua zwar sein Nachfolger, aber vor ihm liegt der Fluss Jordan, nach unserer Vorstellung eher ein Rinnsal denn ein Fluss, aber hinter ihm erstreckt sich bislang unbekanntes und z.T. (bis heute) feindliches Gebiet? Was wird sie erwarten, wie kommen sie im verheißenen Land an?

Hören wir den Text der Bibel, den die Predigtordnung für heute vorgibt:
1Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener:
2Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. 3Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. 4Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. 5Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. 6Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.
7Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. 8Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten.
9Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.



Im Sprichwortschatz unseres Volkes reden wir eher davon, dass wir einen riesigen Berg vor uns haben als das wir einen Fluss überwinden müssen. Und dennoch ist uns dieses Bild vertraut, standen wir auch schon vor Flüssen, den realen wie denen des Lebens, über die es zu setzen galt.

Unser Predigttext ist in drei Abschnitte gegliedert (die durch ihre Struktur im Script kenntlich gemacht sind): Die Aufforderung an Josua, den Jordan zu überqueren und das Land einzunehmen - der Blick nach vorn. Im zweiten geht es um das Bewahren und Tun der mosaischen Tora (des Buches, das gerade beendet wurde) - der Blick zurück. Der dritte Abschnitt besteht aus Vers 9 und bringt beides zusammen: wo auch immer du hingehst, werde ich bei Dir sein, was du auch tust. Jeder dieser Abschnitte ist durch die Aufforderung gekennzeichnet, „getrost und unverzagt“ zu sein.

Ich will in meiner Predigt den Blick auf uns lenken, die Frage stellen und zu beantworten suchen, was dieser Text aus grauer Vorzeit uns heute hier zu sagen hat. Wir sind gar nicht so weit weg von den Fragen und Sehnsüchten dieser Zeit, wie wir es manchmal meinen und die wir uns weiterentwickelter dünken.

Wir okkupieren zwar nicht mehr andere Länder und rechtfertigen dies mit „fehlendem Raum“, aber unsere Lebensgewohnheiten sorgen mit dafür, dass andere Menschen auf dieser Welt leiden.

Wer rund um die Uhr frischen Fisch aus allen Weltmeeren im Angebot haben will, trägt mit zur Überfischung der Weltmeere bei, die mit dafür sorgt, dass z.B. afrikanische Fischer nichts mehr fangen können und sich dann andere Erwerbsquellen suchen müssen – z.B.  die Piraterie.

Wer auch kurz vor 20 Uhr beim Bäcker noch frisches Brot in großer Auswahl vorzufinden wünscht, der sorgt mit für den Erwartungsdruck bei Bäckern, der dazu beiträgt, dass viel Brot und Backwaren weggeworfen werden.

Wer die Thüringer Äpfel verrotten lässt, weil es im Supermarkt so knackige aus Neuseeland gibt, der sorgt durch sein Ess- und Kaufverhalten mit dafür, dass zehntausende Liter von Kerosin allein dafür benötigt werden, um die Äpfel um die halbe Welt zu fliegen und damit direkt auch für die Klimaveränderung auf unserer Erde.

Am Anfang dieses neuen Jahres wird uns plötzlich sehr schmerzhaft deutlich vor Augen geführt, dass wir jeden Tag vor einem Fluss stehen und uns entscheiden müssen.
Josuas erster Blick soll der Landnahme gelten. Er soll sich neue Lebensmöglichkeiten erschließen. Dies geschieht mit einer Art der Landnahme, die ich nicht gern nacherzähle und die ihre Nachwirkungen bis heute in Israel/Palästina hat und bis heute ihre Opfer kostet.

Stehen wir nicht auch vor solchen Entscheidungen oder sagen wir ruhig Landnahmen? Wäre es nicht Zeit, sich sorgsamer zu verhalten und stärker zu wägen, was jetzt nötig ist?

Dient es mir, mich weiter in dem lange und liebevoll gepflegten jahrlangen Streit mit meinem Bruder/ meinem Nachbarn/ meinem Kollegen zu verhaken? Wäre es nicht dran, mir neues Land zu erschließen, in dem ich diesen Streit beilege, vielleicht sogar auf ihn zugehe, obwohl er allen Grund dazu hätte, den ersten Schritt zu tun?

Wäre es nicht an der Zeit, unsere Ernährung daraufhin zu befragen, was sie unserer Natur (nicht unserer Umwelt; dieser Begriff geht davon aus, dass wir das Zentrum und nicht ein Teil von ihr sind) zumutet? Ist der ungespritzte Thüringer Apfel nicht genauso gut wie oder sogar besser als der, für den Transport mit Wachsschicht versehene Neuseeländische? Muss mein Wasser aus Schweden kommen oder kann es nicht auch aus Thüringen sein, vielleicht sogar aus der Leitung?

Es gäbe so viele „Flüsse“ zu überwinden und neue (Über-) Lebensräume zu erschließen. Wir müssen uns nur ein Herz fassen und unser „Herz über den Fluss werfen und hinterher schwimmen“ („Wirf dein Herz über den Fluss und schwimm hinterher…“ indianisches Sprichwort).

Aber genau das ist ja ein wichtiges Element dieses ersten Tages im Jahr: einen guten Vorsatz fassen. Fangen wir mit einer Sache an und lassen wir uns ermutigen, weitere nach und nach zu ergänzen: Brot beim richtigen Bäcker und nicht beim Backdiscounter kaufen und damit auch den Bäcker im unternehmerischen Überlebenskampf unterstützen, fair gehandelten Kaffee, hiesiges Wasser, hiesige Äpfel kaufen, der Beispiele sind Legionen.

Der zweite Blick ist der Blick zurück: Josua ist aufgefordert, das mosaische Gesetz zu halten. Das ist zwar der Blick zurück, aber dieser Blick ist nicht per se rückwärtsgewandt. Denn das Gesetz fasst den Glauben in Worte. Dies im Blick zu behalten gibt erst das Fundament für das rechte Tun, auch das Tun der Zukunft.

Dass viele Dinge heute im Argen liegen, hängt m.E. mit dem fehlenden Glaubensfundament vieler Menschen zusammen. Wenn ich nichts von Nächstenliebe weiß, dann kann ich nur mich selbst lieben. Wer nur sich selbst liebt, der wird blind für den anderen und isoliert sich immer mehr. Der fragt sogar nach den Kosten und dem Nutzen für persönliche Zuwendung.

Deshalb ist der Blick zurück, der Blick zu den Wurzeln, notwendig, um frei für die Überfahrt über den Fluss des Lebens zu sein. Beides gehört zusammen und genau das macht der dritte Abschnitt, er verbindet beides und fasst zusammen:

9Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Das halte ich für eine ausgesprochen Mut machende Botschaft für Josua und sein Volk an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens und auch für eine solche Mut machende Botschaft an uns. Nehmen wir uns doch dieses Jahr vor, aus diesem Vertrauen zu leben und uns dies von Gott zusagen zu lassen. Wir brauchen nicht in den Chor der Jammerlappen einstimmen, die schon am ersten Tag des Jahres vom trockensten Tag des Jahrtausends u.a. Dingen rumbarmen und sich somit selbst das Leben schwer machen.

Natürlich wird es große und reißende Flüsse geben, natürlich wird es Anstrengungen geben und Herausforderungen, sicher wird es Schmerzen und Angst geben, kein Leben ist davon verschont, aber wir gehen doch nicht allein.

Wir gehen mit der klaren und unmissverständlichen Zusage, dass wir nicht alleine sind, dass wir getrost, also immer getröstet, und unverzagt sein können, dass wir uns nicht grauen und entsetzen lassen müssen, sondern wissen dürfen, dass Gott mit uns ist: in allem, d.h. in jeder noch so unterschiedlichen Erfahrung ist er da.

Das sollte uns Mut und Kraft für alles geben, was uns in diesem Jahr begegnet. Gott ist mit uns (das ist das Immanuel der Weihnachtsbotschaft, die wir mit Jes 7,14 in der Christnacht gehört haben). Was braucht es noch? Wir haben doch alles, was wir für unser Leben wirklich benötigen!
(Dies drückt auch unsere Jahreslosung aus, die unserer Schwachheit aufhilft und sagt: „Meine [Gottes] Kraft  ist in den Schwachen mächtig.“ II Kor 12,9)

Das ist gewisslich wahr. Amen.