
Pfarrer Kristóf Bálint, Altjahresabend (ökumenischer Gottesdienst), Ex 13, 20-22
Liebe Gemeinde,
der heutige Tag ist ein Tag der guten Vorsätze. Ich habe es schon im Gemeindebrief „gemeinsam unterwegs“ erwähnt, kaum ein Tag im Jahr ist so sehr geprägt von den guten Vorsätzen wie dieser und an keinem Tag blicken Menschen so sehr zurück, wie an diesem. Dieser Tag ist wie kein anderer Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft, so ausnahmslos „Jetzt“, wie der heutige.
Da ist der Blick zurück: was ist im auslaufenden Jahr passiert- was davon war gut, was lief schlecht und was würde ich am liebsten sogar ungeschehen machen?
Zugleich hat aber auch die Zukunftsorientierung in ihm Raum: was von dem, was im auslaufenden Jahr nicht gut lief, kann ich jetzt, im neuen Jahr korrigieren, wo kann ich die falschen Entscheidungen wenigstens ein wenig abmildern oder gerade rücken, wo Schaden begrenzen oder sogar einen ganz neuen Weg einschlagen?
Kein Tag hat wie dieser auch die Einsicht des Gegenübers, das mir abnimmt, dass ich nun anders handeln will. Die meisten Menschen sind an diesem Tag zu Zugeständnissen bereit und trauen dem Gegenüber auch ein ernsthaftes Bemühen zu - mehr als sonst im Kalenderjahr.
Deshalb sind Rückblick und Ausblick die Zeichen dieses Tages, der erst seit dem 16. Jahrhundert, mit der Gregoranischen Kalenderreform (benannt nach Papst Gregor XIII.; die Reform, die den bis dahin gültigen Julianischen Kalender ablöste, wurde 1582 mit der päpstlichen Bulle Inter gravissimas in Geltung gesetzt.), das Kalenderjahresende bezeichnet und nach dem römischen Bischof Silvester benannt wurde, der 355 nach Christus an einem 31. 12. starb.
Diesen rück- und vorwärts gewandten Geschehen entspricht auch der Predigttext unseres heutigen Tages in eigener Weise, denn er handelt vom Auszug des Gottesvolkes.
Gerade der Knechtschaft und den Häschern des ägyptischen Pharao entronnen, am Rande der Wüste, das Wunder der Meeresteilung noch vor sich, in dieser Verfassung und noch nichts davon ahnend, wie lange und beschwerlich die Wüstenwanderung und die Freiheit sein würden, erzählen drei Verse von dem Volk Gottes auf seiner Wanderung.
Der Text wirkt dabei ein wenig merkwürdig, denn die angegebenen Verse sind relativ unanschaulich, verglichen mit dem, was wir sonst aus dem AT kennen und doch bieten sie eine Menge Stoff zum Nachdenken. Doch zuerst der Predigttext aus Ex 13:
20So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. Wort des lebendigen Gottes.
Eine Wanderungsgeschichte, die uns sesshaften Menschen in Europa gar nicht so schnell eingehen will. Wenn ich es aber recht bedenke, dann gibt es seit geraumer Zeit einen Bruch in unserer Sesshaftigkeit, sind wir gar nicht mehr so ansässig, wie unsere Vorfahren bislang in unserem Land lebten.
Von vielen Arbeitskräften wird verlangt, dass sie heute hier und morgen dort arbeiten, manche sind jeden Tag 100 und mehr Kilometer unterwegs Wir sind also selbst ziemlich unstet in unserem Alltag geworden. Dass heißt, dass uns die Ausgangslage der Israeliten gar nicht so fremd sein muss.
Ins persönliche gewendet ist noch viel mehr eine Nähe spürbar. Ich kann in den Feuilletons der Zeitungen und in manch persönlichem Rückblick wahrnehmen, dass viele Menschen sich auch seelisch auf Wanderschaft befinden.
In einer pluralen Gesellschaft, die Einflüsse aus allen Erdenteilen in sich aufnehmen und sie vor allem aushalten muss, ist es schwer heimisch zu werden. Da gilt es ständig die Orientierung zu behalten und was noch schwieriger ist: da muss ich mir eine Grundrichtung wählen und dieser dann im Dickicht der Angebote folgen.
Für Viele ist das schon eine Überforderung und es nimmt nicht wunder, dass sie dann nach Jemandem Ausschau halten, der ihnen sagt, wo es langgeht und eine Richtung vorgibt. Das ist menschlich verständlich aber eben auch gefährlich, wenn der Mensch, den sich andere zum Führer auserkoren haben, keine ehrlichen und menschlichen Absichten verfolgt, wie die jungen Erwachsenen aus Jena und Zwickau in diesem Kalenderjahr erschreckend vor Augen führten.
Auf ihrer Wanderschaft aus der Sklaverei in Ägypten, endlich in Freiheit, erleben die Israeliten die Wegbegleitung Gottes. Sie sind noch am Rande der Wüste, ihnen steht noch die harte Zeit bevor und es ist gut, dass sie noch nicht wissen wie hart es werden wird. Sicher hätten sie sonst gesagt: „ach lieber in Abhängigkeit und Unterdrückung, als diese Strapazen auf uns nehmen“.
Wir können Vergleichbares ja immer wieder auch in unseren Tagen hören, wenn die scheinbar schönere, weil übersichtlichere und vorgeblich Sicherheit vorgebende Zeit der „Diktatur des Proletariats“ als menschlicher gepriesen wird. Vergessen der Entzug der Freiheit, die Verhinderung von persönlicher Entfaltungsmöglichkeit, die Gängelung, die Mangelwirtschaft - auch die Juden rufen nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“, an denen sie nie saßen.
Interessant ist nun das Bild, das für Gottes Gegenwart steht: er geht des Tages als Wolkensäule, in der Wüste der ideale Schattenspender und Lebenserhalter, und des Nachts als Feuersäule, ideal, um in der Dunkelheit den Weg nicht zu verfehlen. Beide Säulen wechseln sich ab. Gottes Gegenwart zeigt sich in seiner „Geh-genwart“.
Das hebräische Wort für Säule wird grammatisch vom Verb „stehen“ abgeleitet: Gott ist also der „aufrecht Stehende“.
Die Israeliten erleben Gott als einen Gott, der mitgeht, nicht statisch wie eine gewöhnliche Säule im antiken Tempel, sondern vor dem Volk her wandelnd. Davon wurde ihr Gottesverständnis geprägt. Ihr Gott duckte sich nicht ab, ihr Gott stand und gab Sicherheit und ermutigte sie, auch standhaft zu sein bzw. zu werden.
Und der ständige Wechsel der Naturerscheinungen bei Tag und Nacht drückt aus, dass Gottes Nähe nicht auf eine Tageszeit beschränkt ist. Gott ist dauernd da. Er lässt sein Volk nicht allein. Er steht zu ihm.
Die Nähe Gottes wird wahrnehmbar und mit Händen zu greifen – freilich nur für die, die in diesem Phänomen auch Gottes Gegenwart sehen. Wer blind dafür ist, nimmt nur eine Wolkensäule wahr. Dennoch gilt: Gott geleitet sein Volk durch alle inneren und äußeren Gefahren hindurch und steht ihm bei.
So bekennen es die Juden bis heute, so feiern sie diese Begleitung mit jedem Passahfest neu und so vertrauen sie auf die Nähe Gottes bis zum heutigen Tag, obwohl sie, bedingt durch ihre Geschichte, genügend Grund zum Zweifel daran hätten.
Wie aber nun den Bogen zu uns spannen, wie diesen Text auf uns heute hier in Stotternheim anwenden? Es scheint schwieriger als es ist.
Ich glaube, dass wir auch in unserem Leben solche Wolkensäulen wahrnähmen, wenn wir uns auf ihre Gegenwart und ihre Bildhaftigkeit einließen. Auch uns gilt, durch das Gottesvolk Israel hindurch, die Zusage der Nähe Gottes. Ich habe von den Zeichen und ihrer Wahrnahme durch uns ja in der Christnacht gepredigt.
Aber wie beim Volk Israel kommt es darauf an, sich auf dieses Geschehen der Gottesnähe einzulassen. Wer dies nicht tut, sieht nur ein Phänomen, oder er betont ein Schicksal, von dem unklar bleibt, wer es uns zumutet.
Christlicher Glaube gründet sich auf die Zusage der Nähe Gottes. Wenn ich so lebe, dann wird mir alles auf diesem Hintergrund verständlich, dann werde ich geschehene Dinge annehmen und im Nachhinein versuchen, sie aus dieser Dimension der Gottesnähe zu betrachten. (Dann frage ich primär Wozu? und nicht warum?)
Ich bleibe nicht als ein Mensch zurück, der nur hinnehmen kann und muss, sondern ich nehme an, weil ich weiß, dass es gut für mich ausgehen wird: die Krankheit, die Wege der Kinder, den Unfall, die Gespräche mit den Eltern… einfach alles.
Wer sich auf Gott einlässt, dem können zwei Dinge hilfreich sein. Zum ersten das Wissen: Gott lässt mich nicht allein. Zum zweiten: alles, was mir geschieht, geschieht mir zum Guten.
Das heißt nicht, dass alles bestens läuft, denn Krankheit und Leid können wir nicht ohne weiteres als ein gutes Ereignis abtun oder uminterpretieren, aber der Blick auf manches Geschehen im Nachhinein offenbart doch, dass auch schlechte Dinge zum Guten dienen können: die Krankheit, die mich endlich zwingt, gesund zu leben. Der Unfall, der mich achtsam auf das Leben werden lässt, dass ich bislang nur so dahin lebte. Das Gespräch mit den Kindern, deren Erwachsenwerden ich bislang übersah und deren Einsichten mir neue Impulse zum eigenen Wachstum geben können …
Ein solchermaßen verstandenes Leben wird wertvoller und zugleich auch lebensvoller. So können wir am heutigen Tag zurückschauen, vielleicht auch in problematischen Dingen das Gute entdecken und können mit Blick auf die Zukunft das Beste erwarten: die Nähe Gottes an jedem Tag.
Ein solchermaßen gelebtes Leben ist wertvoll und hat Sinn. Ein solches Leben lohnt es sich zu leben, denn wir sind immer von Zeichen seiner Nähe umgeben. Er hat sie uns zugesagt, heute, hier und jetzt. Darauf vertrauend können wir das alte Kalenderjahr entlassen und das neue zuversichtlich empfangen. Amen.
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