Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, Christnacht, Jes. 7, 10-14

Liebe Gemeinde,

wer die Don Camillo-Filme so schätzt wie ich, der wird sicher vor Augen haben, wie Don Camillo in den entscheidenden Situationen vor den Altar tritt, mit dem Gekreuzigten diskutiert und um ein Zeichen bittet. Das fällt nicht immer nach dem Geschmack von Don Camillo aus, aber es fällt mehr oder minder deutlich aus.

Ich kenne viele Menschen, die wie Don Camillo schon um ein Zeichen baten - mich eingeschlossen. Eine Obliegenheit  steht vor uns und wir wissen nicht wie wir uns entscheiden sollen: „Welcher von beiden Jungen ist der bessere Partner für mich?“ fragt sich das Mädchen. „Soll ich den Ruf an eine andere Stelle annehmen?“ der Arzt. „Ist die Operation wirklich nötig?“ der Patient.

Wer im Alltag und bei positiven Fragen häufiger um ein Zeichen bittet, selbst bei Kleinigkeiten, der wird sich nicht scheuen, auch in schweren Zeiten um Zeichen zu bitten. Die Bitte darum gehört zu uns Menschen. Die Erwartung einer Antwort ebenso.

In der Hoffnung auf ein Zeichen drückt sich für mich vor allem Stärke aus, denn ich trete von dem Problem zurück, bemühe mich um objektivere Betrachtung, wäge meine Argumente, deute das Umfeld und beziehe es in meine Überlegungen ein. Es geht also nicht darum, einen anderen für mich entscheiden zu lassen, was ja als Schwäche ausgelegt werden könnte, sondern es kommt vielmehr darauf an, dass ich verobjektiviere und meinen von Gott gegebenen Verstand dazu nutze, die Zeichen zu deuten.

Das einzige, was wir uns mit dem Umgang von Zeichen regelrecht antrainieren müssen und was uns regelmäßig sehr schwer fällt, ist, dass wir die Zeichen auch ernst nehmen, dass wir sie entdecken und lesen lernen und achtsam sind.

Das ist schwer und verlangt von uns, dass wir aufmerksam die Dinge um uns herum betrachten und u.U. sogar das beachten, dass wir sonst für selbstverständlich erachten und gern übersehen. Achtsamkeit ist überhaupt ein selten gewordenes und doch überlebenswichtiges Gut.

Ebenso selten ist die Erwartung, die sich ganz auf Gott gründet und von ihm alles erhofft. Wir sind seit der Aufklärung in einer Art verbildet, dass wir meinen, unseres Glückes Schmied zu sein und nichts als uns selbst nötig zu haben. Wir wissen doch eigentlich sehr genau, dass das nicht stimmt – schon eine Krankheitsdiagnose, ein Moment der Unachtsamkeit im Straßenverkehr, ein unbedachtes Wort führen uns das vor Augen.

Wie schwer hat es dann jemand, Gott etwas Gutes zuzutrauen, wenn er es in leichten und guten Tagen nicht einübte und lernte.  Wir wünschen uns Zeichen, ein Zeichen der Versöhnung von anderen, ein Zeichen der Zuneigung und des Respektes. Doch gehen von uns auch solche Zeichen aus?

Dem König von Juda, Ahas, steht der Feind vor der Stadt Jerusalem. Mannigfach größer als die Verteidiger der Stadt ist die Streitmacht der vor der Stadt stehenden Krieger. Dem König schlottern vor Angst die Knie und doch sagt der Prophet die denkwürdigen Worte, vertraut auf den Herrn, denn „glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“.

Daran schließt sich  nun unser Predigttext an:
10Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: 11Erheische  dir ein Zeichen von IHM Deinem Gotte her, sei es drunten in der Gruft oder hoch in der Luft! 12Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche. 13Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? 14Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Im AT gab und im Judentum gibt es bis heute die Ehrfurcht, den Gottesnamen auszusprechen. Mit Umschreibungen wie „der Herr“ oder „der Allmächtige“ soll seine Profanisierung vermieden werden. Deshalb und aus Kleinglauben scheut sich der König ein Zeichen zu fordern. Gott gewährt es ihm, sogar ungebeten. Der Prophet ist sogar ungehalten, dass es Ahas nicht fordert, obwohl ihn Gott dazu ermutigt.

Gott gibt daraufhin ein Zeichen, dass keinen unberührt lässt. Es ist kein Zeichen der Macht und der Größe, sondern es ist ein Zeichen, das seinesgleichen sucht: eine Jungfrau wird schwanger und einen Sohn gebären, der den Namen Immanuel bekommt, was übersetzt heißt: „Gott mit uns“. Das Land der Feinde wird darüber veröden und dem Feind durch Gott die Überlebensgrundlage entzogen (15ff.).

Wir Christen sind es mit Matthäus gewohnt, diese Ankündigung auf Jesus zu beziehen. Dem Zimmermann Josef erscheint ein Engel im Traum, der ihn auffordert, zu Maria zu stehen und sie nicht zu verlassen und das Kind „Jesus“ zu nennen. Dabei greift Mt auf die Worte des Propheten Jesaja zurück und bezieht sie auf Jesus.

Diese Interpretation ist zur Christenheit gehörig und für uns schlüssig. Sie trennt uns aber auch vom Judentum, das in Jesus zwar einen bedeutenden Rabbi sieht, jedoch bis heute nicht den Messias sehen kann.

Dabei ist ein anderer, einender Aspekt zu betrachten, der zumeist leider nicht im Blick ist. Auch für Ahas, den König von Juda (736-725 v. Chr.), kann das verheißene Neugeborene in der existentiellen Not der Belagerung nach menschlichem Ermessen keine wirkliche Hilfe sein. Es wird ja erst geboren werden und die Belagerung ist jetzt. (Für Juden ist daher noch unvorstellbarer, dass ein gut 700 Jahre später geborener Junge namens Jesus die Rettung bringen soll.)

Wenn Gott durch den Propheten auf ein noch zu gebärendes Kind als Hilfe in der aktuellen Not hinweist, dann ist etwas anderes gemeint: „Verlass dich nicht auf Waffen, Mächte oder Bündnisse.

Verlass Dich vielmehr auf mich, Deinen Gott. Ich komme als ein wehrloses Kind und wie sich ein Neugeborenes unbedingt auf die Eltern verlassen können muss, so muss ich Dir und Du mir vertrauen.“

Und da wird es plötzlich brandaktuell, denn worauf vertrauen wir nicht alles: auf den Bestand unserer Guthaben, unserer Arbeitsplätze, die Sicherheit unserer Renten usw.
Wir vertrauen, wenn es gut geht, noch unserem Ehepartner, aber sonst trauen wir doch den Menschen mehr das Schlechte als das Gute zu - und Gott? Naja, „hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ und ähnliche Verlegenheitsformeln kann ich dann in Gesprächen hören.

Jesajas Ansage ist der totale Gegensatz: Gott ist völlig anders (totaliter aliter). Wenn wir nichts haben, womit ein Vergleich zulässig ist, dann können wir nur vertrauen, dann können wir uns ihm nur anvertrauen (oder es bleiben lassen und uns allein durchwursteln).

Genau dazu fordert Jesaja den König Ahas auf, vertraue bedingungslos auf Gott, dann wirst Du diese, nach menschlichem Ermessen ausweglose Situation bestehen. Du wirst sie durch- und überstehen, Du und Dein Königtum werden Bestand haben (17) und sicher gründen.

Auch uns fordert der Prophet zum Vertrauen auf. Mit Blick auf ein Kind, in dem für uns Christen Gott, in Jesus aus Nazareth, Gestalt annahm, steht auch für uns die Frage: Was bedeutet dieses Kind, dieses Zeichen Gottes für mich?

Oder anders, allgemeiner, das Juden- und Christentum nicht trennend gefragt: was bedeutet der Hinweis Jesajas auf Gott im Kind für mich und mein Leben – heute hier in Stotternheim? Wo verlassen wir uns auf Gott und wo eben nicht? Wo sichern wir uns bei den „Mächten dieser Zeit“, wo schmieden wir Bündnisse mit Wohltätern und Gönnern statt in wehrlos zugewandtem Vertrauen auf Gott zu gründen?

„Jedes Kind bringt die Botschaft, dass Gott die Menschen noch nicht aufgegeben hat.“ (Rabindranath Thakur) Ist es das allein, was uns stärken soll, dass Gott mit jedem Kind seine Botschaft sagt, dass er zu uns hält, obwohl wir so sind, wie wir sind? Dann würden wir die größte Stärkung auf einer Entbindungsstation oder im Geburtshaus erfahren.

Es ist für mich mehr als das. Denn diese Geburt im Stall ist nicht eine Geburt unter vielen, die sich immerfort perpetuiert, sondern eine Geburt „für uns“.

Nicht die Geburt an sich ist das Wunder, so wunderbar sie auch immer wieder ist, sondern diese Geburt „für uns“ ist das erstaunliche - Gott wird Mensch für uns zum Heil. Wir werden diese Botschaft nach der Predigt, von Händel vertont und von unserer Kantorei gesungen, hören: „Denn es ist uns ein Kind geboren, uns zum Heil ein Sohn gegeben, und die Herrschaft ist gelegt auf seine Schulter.“

Wer diesem Geheimnis vertraut, dem erschließt sich der tiefe Sinn der Weihnacht, von dem Fallen alle Hektik und Betriebsamkeit ab, denn es geht hier um Gott für mich/ um Gott für uns.

Hier, beim Anblick der Krippe, können wir bei dem ankommen, der Zuspruch und Anspruch zugleich ist, uns einem kleinen Kind zuwenden und von ihm, das nach menschlichem Ermessen unsere Hilfe bräuchte, die Hilfe für uns erwarten.

Wir dürfen uns diesem Kind nahen und uns Gott in ihm „hinhalten“ und sagen: „Da bin ich. Komme Du in mein Leben. Erfülle Du meine empfundene Leerheit, lass mich in Dir ankommen und sei mir nah. Ich will Dir vertrauen und mein Leben in Dir gründen.“

Spüren Sie nicht auch das Geheimnis dieses Geschehens? Wir uns, im Verhältnis zu Babys, mächtig empfindenden Erwachsenen sind die, die von diesem Kinde beschenkt werden, die erfüllt werden, die gestärkt werden, sind die passiven, die, zu denen Gott kommt und Wohnung nehmen will.

Es braucht dazu nur die Bereitschaft zu empfangen und sich zu öffnen. Paul Gerhard hat das für mich sehr schön ausgedrückt:

Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
dass ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So lass mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden. (EG 37,9)

Könnten wir uns doch so öffnen und selbst zur Krippe werden, dann käme Christus zu uns und nähme in uns Wohnung. Dann könnten wir dieses Geschehen als ein Zeichen sehen, als Antwort auf unsere Fragen. Wir müssen es nur sehen, verstehen und annehmen.  Dann könnten wir selbst zum Zeichen werden für andere, von dem Segen ausgeht. Amen.