Predigten

­­

Pfarrer Kristóf Bálint, Christfest - 1. Weihnachtsfeiertag, I Joh. 3, 1-6

Liebe Gemeinde,

„finden Sie nicht auch, dass die kleine Hedwig ganz wie der Vater aussieht? Aber die Nase, die hat sie von der Mutter.“

„Wie alt bist du denn, kleine Hedwig?“ Die Kleine hebt die Hand und streckt drei Finger von sich, ohne einen Ton zu sagen, denn Hedwig ist schüchtern. Wie sie heißt, hätte sie bereits nicht sagen wollen.

Es ist schon erstaunlich, wen die Menschen in einem Kind wieder entdecken. Da kann man zur gleichen Zeit „ganz der Vater“ und „ganz die Mutter“ hören und mancher Großvater soll sich schon sehr geschmeichelt gefühlt haben, wenn ihm eine Ähnlichkeit mit der Enkelin bescheinigt wurde.

Was jedoch zweifelsfrei und in jedem Falle stimmt ist, dass wir stark von unseren Eltern und unseren Herkunftsfamilien geprägt werden. Wir halten uns als Elterngeneration auch viel darauf und sind gern für die tollen Rechen- und Lesekünste der Kinder ursächlich, wenn es aber an die Pubertät geht, habe ich noch niemanden sagen hören „diese Aufsässigkeit hat sie von mir“.

Wir sind da gern wählerisch und für das Gute zuständig. Wenn wir es mit Humor und Selbstironie sagen, ist dagegen auch nichts einzuwenden, jedoch im Falle von wechselseitigen Vorwürfen der Eheleute, wenn „die Kinder aus der Spur“ geraten, was auch immer das sein mag, hört der Spaß dann auf.

Wir Eltern bestimmen das Leben unserer Kinder und Kindeskinder mit allem, was wir ihnen mitgeben, mit Haut, Haaren und Augenfarbe, mit Leib und Seele. Doch nicht nur körperlich, sondern auch in ihrem Verhalten und Erleben beeinflussen wir sie – ob uns das bewusst ist oder nicht, ob das gut ist oder nicht, ob wir das wollen oder nicht.

Manch alter Mensch wundert sich, wie mit ihm umgesprungen und er in ein Altersheim abgeschoben wird, dabei haben es seine Kinder ihm nur abgeschaut, als er noch jung und sie Kleinkinder waren und er so  mit seinem Vater verfuhr. Das „Märchen vom alten Großvater und dem Enkel“ der Gebrüder Grimm macht das sehr eindrücklich und anschaulich deutlich (http://www.maerchen.com/grimm/der-alte-grossvater-und-der-enkel.php).

Es ist eben nicht egal, wer zu uns und unserer Familie, unserem Umfeld gehört. Jeder dieser egalitären Versuche, alles einzuebnen und damit zu meinen, allen die gleiche Chance zu geben, läuft letztlich auf eine Lebenslüge hinaus.

Es ist wichtig, wer zu Hedwig gehört, wie er sich zu ihr bekennt und was er z. B. unter Bildungschancen versteht. Das entscheidet darüber, ob sie mit sieben noch ein Kind sein und spielen darf oder vier Stunden pro Tag Geige üben muss oder schon mit High Heels und Mikrofon durch den Bohlen-Stumpfsinnsumpf stapfen muss, in der inhaltsleeren und sich selbst nicht sicheren Erwartung eines Ruhms, der nicht die Halbwertzeit einer Tomate hat.

Doch wir können uns unsere Eltern nicht aussuchen, wir wurden nicht gefragt und es braucht oft ein paar Jahrzehnte, bis wir Mitleid mit ihnen empfinden, weil wir merken, wie schnell wir selbst dieselben oder andere Fehler machen wie sie. Bis wir unsere Vorwürfe aus Adoleszententagen als unsinnig einsehen und uns dann oft vorwerfen, wie hartherzig wir ihnen gegenüber waren und wie bedingungslos fordernd. Wir wussten es ja nicht besser – zumindest in dieser Zeit. Wenn es gut geht, begreifen wir wenigstens später, aber manchen ist nicht einmal das vergönnt.

Es ist wichtig, zu wem wir gehören und wer sich zu uns bekennt. Das betont auch der Schreiber des I Joh, dem unser heutiger Predigttext entnommen ist.
1Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. 2Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. 3Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. 4Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. 5Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde.  6Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

Hier wird vom Verfasser des I Joh der Familienbegriff universal geöffnet. Wohl habe ich einen „leiblichen Vater“, der mich zeugte, aber ich habe mit ausnahmslos allen Menschen gemeinsam einen „himmlischen Vater“. Viele wissen das nicht, kennen ihn nicht oder erkennen ihn nicht als Ihren Vater an. Diese Varianten fallen in unserem säkularisierten Osten am meisten auf.

Doch ob ich das gut heiße oder nicht, jeder Mensch dieser Erde ist Teil der großen Familie Gottes. Das können wir uns auch nicht aussuchen, auch da wurden wir nicht gefragt. Gott hat es so bestimmt und darin seine Liebe zu uns Menschen erwiesen. Wir heißen deshalb ‚Gottes Kinder‘ „und wir sind es auch“ (1).

Aber mit dem Kindsein haben wir es schwer. Von früher Kindheit an sollen wir es erst, dann wollen wir es, nämlich erwachsen sein.

Diesem Anspruch, der von außen an uns herangetragen wird, geben wir gern nach, denn dann fühlen wir uns groß und wichtig, selbst wenn wir insgeheim wissen, dass wir es noch nicht sind. Grund für diese Sehnsucht ist ein semantisches Missverständnis: wir verwechseln kindisch mit kindlich.

In Situationen, wie einem Trauerfall oder bei einer schmerzhaften Erfahrung, mache ich völlig unterschiedslos die Erfahrung, dass sich auch ältere Menschen gern anlehnen, Trost und Körperkontakt suchen. Ohne Worte können wir so am meisten zum Ausdruck bringen. Es drückt das ursprünglich menschliche und im kindlichen am besten geborgene Verlangen nach Trost, Zuneigung und Halt aus.

Das hat man uns, das haben wir uns abtrainiert, denn „ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Diese und ähnlich dümmliche Sprüche haben uns gelehrt, dass wir nicht dazu stehen dürfen, dass es manchmal weh und dann Not tut, sich bei jemandem anzulehnen und auszuweinen.

Unser Predigttext möchte uns wieder dorthin zurückführen, wo wir vor langer Zeit schon waren: er spricht zu uns und dem immer noch in uns wohnenden Kind.
Das ist nicht kindisch, mit negativer Konnotation, sondern kindlich in der Weise, wie sie Jesus meinte als er seinen rivalisierenden Jüngern sagte: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr  nicht ins Himmelreich kommen“ (Mt 18,3).

In der Sozialwissenschaft wird hin und wieder von der zweiten Naivität gesprochen und damit auszudrücken versucht, dass die Weisheit des Alters darin liegt, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen, Dinge ganz einfach und elementar sehen und annehmen zu können. Mir scheint darin ein großer Gewinn zu liegen. Diese Naivität zu üben verheißt m.E. viel Gutes: den genauen und forschenden Blick, die offene und ehrliche Frage, den hintergründigen und grüberlischen Gedanken, die Entdeckung von wachsender Sprachfähigkeit, die Teilhabe an gewonnenen Einsichten.

Ich werde nie vergessen, wie uns eine unsere Enkelinnen den Tod eines lieben Menschen erschlossen hat. „Stimmst Opi, die Christine ist so krank, da hilft nur sterben!“ Welch Gewinn doch in einer solchen Zusage liegt, Gottes Kind zu sein. Da ist nichts kindisches, da ist kindliches Vertrauen, da ist Vertrauen und die Bereitschaft, sich auf Gott einzulassen.

Nunmehr aber „lässt“ sich Gott, uns zugut, in einem Kind. Er führt uns damit unsere eigene Verletzlichkeit, unser eigenes Angewiesensein auf andere vor Augen. An anderer Stelle heißt es, er „entäußerte sich selbst“ und „ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt“. (Phil 2,7)

Gerade darin liegt das Geheimnis der Weihnacht: Gott kommt eben nicht mit lautem Getöse, sondern uns gleich als ein verletzliches Kind und gewinnt somit nicht nur die volle Aufmerksamkeit, sondern auch die volle Zuwendung und Fürsorge. Wäre dies auch so gewesen, wenn er vermittels Macht und Kriegsgeschrei und viel Getöse gekommen wäre?

In dieser uns, von uns selbst bekannten und leider vertrauten Zerbrechlichkeit und Schwäche kommt er uns näher als es sonst je möglich gewesen wäre. Und kaum auf der Welt, wird er, wie wir, mit dem Bösen konfrontiert: um seinetwillen werden viele andere Kinder getötet (Gedenktag dafür ist der 4. Weihnachtsfeiertag, der 28.12.), ist er ist schon als Neugeborener ein Flüchtling, ein Asylsuchender.

Gott ist nicht fern, er erweist seine Liebe gerade durch die Nähe in einem Kind. Viel nahbarer kann er uns nicht sein.

Mit Weihnachten geht die Geschichte Gottes in Jesus erst los, beginnt auch unsere Kindschaft, die Paulus feststellt. Auch wenn es nicht jeder merkt oder merken will, wir sind Gottes Kinder. Wir gehören zur großen Familie Gottes, zur Societas Dei.

Wir müssen nichts dafür tun, wir müssen es auch nichts erwerben, wir brauchen auch keine menschliche Institution, die uns diese Nähe Gottes verbürgt oder herstellt, sondern wir sind es schon - geschenkt oder theologisch gesagt: gratis (gratia gratis data). 1Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! oder um es mit Worten von Clemens Brentano zu sagen:

Welch Geheimnis ist ein Kind! Gott ist auch ein Kind gewesen.
Weil wir Gottes Kinder sind, kam ein Kind, uns zu erlösen.
Welch Geheimnis ist ein Kind! Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Amen.