
Pfarrer Kristóf Bálint, 4. Advent, II Kor 1, 18-22
Liebe Gemeinde,
es gab schon Politiker, die ihr Ehrenwort, nicht betrogen zu haben (Barschel, von und zu Guttenberg, Koch-Mehrin), gaben und früher oder später der Lüge überführt wurden.
Auch Ehemänner und -frauen wurden bisweilen beim Lügen oder mit zweideutigen Antworten ertappt, so wie auch Kinder.
Unlängst erklärte mir unsere jüngste, zehnjährige Enkelin, dass sie doch gar nicht gelogen, sondern bloß nicht zugegeben habe, es persönlich gewesen zu sein. Diese Dialektik ist nicht ganz von der Hand zu weisen und es bedurfte eines kleinen Gesprächsganges, der die Dinge wieder klar stellte.
Wir sind nicht immer eindeutig und wir möchten oft gern Konflikten aus dem Weg gehen, weil sie mit negativen Gefühlen einher gehen, uns unter Druck setzen, uns „auf den Magen schlagen“. Eine kleine Lüge kann da doch nicht schaden, oder?
Doch wer dem Konflikt aus dem Weg gehen will und ihm die Tür vor der Nase zuschlägt, zu dem kommt er durchs Fenster zurück, der holt ihn oft unverhofft und unvorbereitet ein und das ist viel schlimmer als die konzentrierte Begegnung mit offenem Visier.
Ich persönlich habe es mir deshalb zu Eigen gemacht, die Dinge beim Namen zu nennen. Ich tat das früher hitziger und erkenne, je älter ich werde, dass die Kraft wirklich in der Ruhe liegt. Es schadet nichts, die Dinge genau zu beobachten und die Worte zu wägen. Im Prinzip aber gilt für mich, Konflikte sind dazu da, angegangen und gelöst zu werden, sie sind der Schwimmer für die eigentlichen Probleme, die unter der Wasserfläche lauern und immer dann am Haken ziehen, wenn wir unvorbereitet sind.
Sich den Problemen zu stellen kann weh tun und kann auch Verletzungen mit sich bringen, aber wer diese Konflikte nicht angeht, der trägt sie erstens nur lange und unheilvoll mit sich herum, zweitens löst er sie damit nicht, und drittens, er kann durch die ausbleibende Lösung der Konflikte nicht wachsen.
Seit meiner Tätigkeit als stellvertretender Superintendent habe ich manchen Konflikt, den ich als bisher als Dorfpfarrer nicht hatte. Das kostet mich Nerven und Kraft, aber ich merke auch, wie mich ein gut gelöster Konflikt auch befähigt, beim nächsten Konflikt besser zu reagieren. Ich merke, dass mir Kompetenzen zuwachsen, die mir nicht zuwüchsen, wenn ich mich bei Konflikten abduckte.
In diesen Konflikten ist es gut, wenn mein Gegenüber weiß, wo ich stehe und welche Meinung ich habe. Das ist nicht immer einfach, aber es macht klarer, wo sich mein Gegenüber und ich uns gedanklich und emotional befinden.
Nichts ist schlimmer, als wenn ein Mensch seinen Ärger in sich reinfrisst – er schadet entweder sich selbst oder durch unkontrollierte Ausbrüche anderen, noch schlimmer: vielleicht sogar beiden.
Ein solcher Konflikt, bei dem manches unter der Decke schwelte, wo manches ober- und anderes unterirdisch gärte, war zwischen dem Apostel Paulus und der Gemeinde in Korinth entstanden. Paulus verwendet auf die Darstellung viel Sorgfalt, denn ihm wird Uneindeutigkeit vorgeworfen.
Mitten in den Sätzen zu seiner Verteidigung fasst er nun kurz seine Botschaft zusammen, in ganzen vier Versen, unserem heutigen Predigttext:
18Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist. 19Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. 20Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe. 21Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt 22und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.
Diese vier Verse haben es in sich: sie bieten genau diese, von den Korinthern eingeforderte Eindeutigkeit. Euer Vorwurf mir und meinen beiden Mitstreitern gegenüber, ist nicht gerecht. Es geht hier nicht um mich und Silvanus oder Timotheus, sondern wir predigen Jesus Christus, er ist ein klares und eindeutiges „Ja“ für uns alle, Gottes „Ja“ war in ihm (19).
Damit sticht Paulus in das Konfliktnest, „denn nur was ich selber bin und tu, das trau ich einem andern zu“. Ihr schließt von euch auf uns, wir aber predigen nicht uns, sondern Christus und Christus ist ein einziges „Ja“.
Paulus zwingt damit unausgesprochen die Korinther auf ihre oft selbst schmerzhaft erlebte Unentschlossenheit zu schauen. Was ihr an euch erlebt, dass dürft ihr uns nicht unterstellen. Wir sind eindeutig – wir predigen nur den einen Gott in Jesus Christus.
Könnten wir das auch von uns sagen: sind wir immer so eindeutig und klar - unverwechselbar? Ich wünschte, ich könnte das immer von mir sagen, mir wäre wohler dabei, auch wenn es schwer ist.
Wer eindeutig ist, schafft sich mit Sicherheit Probleme, vor allem bei denen, die nicht eindeutig sein können oder wollen.
Wer nicht eindeutig ist, enttäuscht aber auch, weil sein Gegenüber im Unsicheren bleibt und nicht weiß, woran es ist.
Eindeutigkeit meint ja auch nicht Herzlosigkeit. Ich kann zugewandt und klar eindeutig sein, ohne verletzend sein zu müssen. Für Viele scheint das heute nicht mehr vereinbar zu sein, doch das stimmt nicht. Jesus war klar und zuweilen auch schmerzhaft eindeutig und doch liebevoll.
Wir kennen solche Zerrissenheit aus meinen eingangs erwähnten Beispielen gut. Sag ich meinen (Groß-)Eltern die Wahrheit, dass ich etwas Verbotenes tat? Gestehe ich meinem Mann oder meiner Frau den Fehler ein? Gebe ich offen zu, dass ich meine Doktorarbeit einen anderen habe schreiben lassen oder irgendwo abgekupfert habe, weil ich dachte, das kriegt ohnehin keiner raus? Ich wäre doch so gern wer, ein Doktor oder besser noch Professor, weil ich mir meiner nicht so sicher bin, selbst wenn ich äußerlich sehr selbstbewusst wirke!
Wie sähen unsere Antworten jeweils aus – Hand aufs Herz? Manch einer von denen, die nach zu Gutenbergs Salamitaktik (übrigens ein ungarisches Lehnwort im Deutschen von „Szalámitaktika“) „das Maul voll nahmen“, hätte nach den eben genannten Maßstäben doch wohl „die Hose ebenso voll“. Es ist eben leichter beim anderen Versäumnisse anzuprangern als bei sie sich selbst einzugestehen.
In aller Uneindeutigkeit von Zweifel und Wankelmütigkeit, sagt Gott eindeutig „Ja“ zu dieser Welt und begibt sich in sie als schutzloses und hilfsbedürftiges Kind. Ein solches Kind braucht Eindeutigkeit: die eindeutige Liebe und Zuwendung der Eltern.
Das Bild verlassend: Gott braucht unsere Eindeutigkeit und Antwort auf seine zweifelsfreie Entschiedenheit, uns nahe sein zu wollen. Genau darauf spielt Paulus an, wenn er sagt, dass sein Wort nicht Ja und Nein zugleich ist. Wer von Gott in Jesus Christus spricht kann nicht Ja und Nein zugleich meinen, der kann nur vom großen JA Gottes zu uns sprechen und zwar eindeutig.
Wie kann und muss das aussehen, heute hier in Stotternheim, in der Bundesrepublik Deutschland und in der EKM?
Ich will das an drei Beispielen verdeutlichen, die sich auf die genannten Größen beziehen. Je konkreter, desto verständlicher.
Was bedeutet das für mich persönlich? Ich muss als Pfarrer eindeutig und klar sein, erkennbar in All- und Festtagen. Das ist nicht leicht und verlangt mir viel ab. Ich kann das nicht alleine schaffen, denn das überforderte mich. Ich kann mich mit diesem Anspruch, der oft von außen auf den Pfarrer projiziert, was sonst als unheil erlebt wird, nur Gott hinhalten und sagen: „Du siehst wie ich bin und Du siehst, was die Leute in mich und meine Familie hineinlegen. Bring das zusammen, lass uns lebendige Zeugen Deiner Liebe sein, damit erkennbar wird, wo und dass du durch mich, durch uns Unvollkommene sprechen willst.“
In meinem Alltag heißt das, wenn das Gespräch darauf kommt oder ich es dahin leite, das ich bei meinen verschiedenen Begegnungen die Leute freundlich frage, warum sie der Kirche den Rücken kehrten? Es ergeben sich dabei regelmäßig gute Gespräche mit meiner klaren Aufforderung, doch darüber nachzudenken, ob die Gründe nicht inzwischen erledigt sind und ein neues Nachdenken beginnen könnte. Solange wir leben ist ja Zeit, nur dass wir nicht wissen, wie lange wir leben und wir deshalb am besten gleich mit nachdenken anfangen.
Ich bin das den Menschen schuldig, sie zu Lebzeiten klar gefragt zu haben, denn Ihre Antwort hat Folgen über Ihren Tod hinaus. Denn das gehört zur Eindeutigkeit und Klarheit hinzu, dass wir im Todesfall ihre zu Lebzeiten selbst getroffene Entscheidung dann auch respektieren – mit allen Folgen.
In unserem Heimatland erlebe ich uns Christen oft verzagt. Wir lassen uns einreden, wie klein und unbedeutend wir geworden sind. Dabei zeigt uns alles um uns herum, wie Menschen nach einem Sinn und einem Halt suchen.
Jetzt werden Engel selbst in Wohnstuben von hart gesottenen Agnostikern aufgehängt.
Die Kirchen füllen sich am Heiligen Abend, weil den Menschen eine Sehnsucht innewohnt, die sie sich nicht selbst stillen können und oft begegnen sie in ihnen frustrierten Hauptamtlichen, die sich daran stören, dass sie nur heute kommen, statt sich zu freuen, dass sie überhaupt kommen.
Andere stilisieren bestimmte Menschen zu Pop-, Mode- oder Politik-Ikonen, die all die Dinge machen sollen, die sie nicht machen können oder wollen: immer treu sein, immer schön sein, immer toll singen, nicht ihren Vorteil suchen usw.
Wenn dann bei einem der angebeteten und zur Ersatzgottheit aufgeblasenen Menschen etwas menschlich ist, wird verbissen auf ihn eingedroschen – verbal und nonverbal und vor allem unmenschlich.
Ich will nicht gut heißen, was von und zu Guttenberg und Wulff da machten, aber ich wüsste schon gern einmal, wer von denen, die mit Schaum vor dem Mund und mit Finger im Anschlag auf die Herren zeigen, selbst den Maßstäben gerecht wird, die er hier anlegt!
Unsere Aufgabe als Christen wäre es m.E. deutlich zu sagen, was wir davon halten, dann aber auch klar zu betonen, dass jeder ein Mensch ist und Fehler nun einmal zu jedem von uns gehören und jeder das Recht hat, aus Ihnen zu lernen. Wer könnte uns das besser illustrieren als Paulus und wir selbst. Wir haben m.E. die Aufgabe, dass dieser Welt im Kleinen und Großen deutlich vor Augen zu halten und auch uns selbst.
In unserer Kirche erlebe ich manchmal schmerzhaft, wie wir uns in viele Aktionen verstricken, ohne uns unserer selbst sicher genug zu sein. Manche Vertreter der Kirche geben mir zu sehr vor sicher zu sein und die Wahrheit gepachtet zu haben und genau zu wissen, wie Jesus was wie denkt. Diese, für den einzelnen durchaus angemessen erlebte Gewissheit steht in der Gefahr, verallgemeinert zum Hochmut zu degenerieren. Paulus und seine Gefährten predigen aber Christus und nicht sich selbst.
Die andere Gefahr, die ich bei „meiner“, mir lieben Kirche wahrnehme, ist, dass wir uns in zu vielen Aktivitäten verstricken, weil wir glauben, sonst nicht genug wahrgenommen zu werden. Wir beschäftigen uns mehr mit Fundraising, mit Klimazielen, mit Zahlen und der Präsenz in den Medien, statt die Hände zu falten und füreinander zu beten, um den Geist Gottes und den rechten Weg zu bitten. Letzteres ist aber die Voraussetzung für den rechten Weg, denn ein Weg wird nur dann gesegnet sein, wenn er seine Deutung von dem EINEN erhält und auch in diesem Sinne eindeutig ist.
Kirche war in ihrer Geschichte immer systemstürzend überzeugend, wenn sie sich auf Gott allein verließ und sich auf die Seite derer stellte, für die sonst niemand sprach.
Wir sollten deshalb aus dem Gebet heraus nach dem rechten Weg suchen und diesen mit der Gewissheit gehen, dass ER mit uns geht, auch wenn Umfragewerte nicht viel von solchen Begründungen halten mögen.
Hier gilt es Ja zu sagen zu einem, manchmal auch von uns und unseren Einsichten wegführenden Weg, wie er schon 1626, mitten im dreißigjährigen Krieg, von Daniel Sudermann sehr schön verdichtetet beschrieben wird:
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,
danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn.
(EG 8, 5+6)
Amen.
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