Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, 3. Advent, Röm 15, 4-13

Liebe Gemeinde,

in heutiger Zeit bricht sich eine Erkenntnis meist nur dann Bahn, wenn sie absolut neu, möglichst noch nie da gewesen, mit neuesten wissenschaftlichen Methoden erforscht und zumindest umwerfend ist im Sinne von: das bisherige auf den Kopf stellend. Erst dann wird scheinbar öffentlich Notiz von einer Sache genommen.

Was weniger spektakulär ist, auch wenn es wichtig und wahr sein sollte, wird auf die hinteren Plätze der Zeitungen verband, in Fernseh-Nachrichten nur kurz erwähnt oder ganz und gar totgeschwiegen.

Es gibt nur wenige Punkte, bei denen das bis heute noch anders ist. Das aber sind sehr wichtige Ereignisse, in denen sich dankenswerter Weise nicht so viel nivellierender Zeitgeist widerspiegelt: z.B. die Nobelpreisverleihungen gestern, bei der in aller Regel Personen ausgezeichnet werden, die auf bestehenden Erkenntnissen fußend, weitergehende Erkenntnisse fanden und somit eine Entwicklung fortsetzen, die bereits vor Ihnen begonnen hat.

Das ist wohltuend anders, als wir es in unserem Alltag bei Zeitungslektüre, Radio- oder Fernsehkonsum wahrnehmen können.

Oder in einer Arbeitswelt, in der scheinbar nur junge und dynamische Menschen etwas einbringen können. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen der Rat des Opas und der Oma noch für Wert geachtet und befolgt wurden. Noch in meiner Kinderzeit saßen wir zu Füßen der Großeltern und wollten von früher hören, wollten wissen, wie sich Oma und Opa durch den Krieg und durch den vergleichsweise harten Alltag gebracht haben. Heute, so erzählen mir viele ältere Menschen, rollen die Enkel bereits mit den Augen, wenn auch nur ansatzweise von früher gesprochen wird. „Das war früher, Oma, schweig fein still!“ Ist es deshalb falsch?

Mit einer solchen Einstellung beraubt sich jedoch nun schon die zweite Generation wichtiger Erkenntnisse und wird, ohne es oft einmal zu merken, an Erfahrungen und geistig und emotional immer ärmer. Denn, und das kann man nicht deutlich genug sagen, Zukunft braucht Herkunft.

Wer nicht weiß, woher er kommt, wird auch nicht wissen, was er in Zukunft möchte und erreichen kann. Und, was fast noch wichtiger ist, er wird auch nicht wissen, welche Fehler aus der Vergangenheit er nicht wiederholen möchte.

Die Folgen dieser Vergangenheitsvergessenheit sind in vielen Bereichen zu sehen: in der Teilen der Gesellschaft werden Sprüche salonfähig, die unser Land schon zweimal in einen Krieg geführt und viel Leid über unser Vaterland gebracht haben. Die terroristischen Jenenser sind da gewiss nur die Spitze des Eisbergs. Wir müssen leider konstatieren, da hat unsere Landesbischöfin recht, dass ausländerfeindliche Einstellungen auch in unserer Kirche nicht ohne Rückhalt sind.
In der Wirtschaft werden Fehler gemacht, die unsere Altvordern schon machten und vor denen sie uns gewiss warnten, wenn wir sie frügen.

In der Erziehung der Kinder begeht ein Großteil der Eltern gerade die gleichen Fehler wie die 68iger Generation und sie werden damit weithin an ihren Kindern schuldig, weil sie ihnen die Erziehung und die Auseinandersetzung vorenthalten und sich ihnen entziehen, statt ihre Kinder zu erziehen. Die Liste der Versäumnisse ließe sich gesellschaftlich wie persönlich beliebig verlängern.

Es ist eine wichtige Wahrheit und eine sich uns stellende Aufgabe, uns auf unsere Wurzeln zu besinnen, denn ohne sie finden wir keinen Halt. Und wer haltlos wird, sucht sich Ersatzgehhilfen, die leider oft wenig taugen und keinen sicheren Stand verleihen.

Unser heutiger Predigttext gibt einer vergleichbaren Einsicht Raum. Der Apostel Paulus, ein jüdischer Christ und kluger Denker, versucht in einer Gemeinde, in der Judenchristen und nichtjüdische Christen in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung waren, zu vermitteln. Und er tut dies mit Hinweis auf die Texte der Alten, das Alte Testament. Ich lese uns den Predigttext aus dem 15. Kapitel des Röm:

4Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. 5Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, 6damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. 7Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. 8Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; 9die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): „Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.“ 10Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): „Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!“ 11Und wiederum (Psalm 117,1): „Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!“ 12Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.“ 13Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.

Ich möchte folgenden Gedanken des Apostel Paulus nachdenken und lade sie dazu ein, es mit mir zu tun: 1. Geduld und Trost aus den Schriften der Alten, 2. Eintracht und Einmütigkeit als Zeichen christlichen Lebens.

Paulus verlangt von einer, in fundamentalen Fragen des christlichen Lebens zerstrittenen Gemeinde die Konzentration auf das Wesentliche. Was war passiert?
In der Gemeinde lebten jüdische und nichtjüdische Christen zusammen. Das war eine neue Erfahrung, denn die jüdischen Christen lebten nach den Geboten des Judentums, z.B. den Speisegeboten, und forderten dies auch von den nichtjüdischen Christen.

Die sahen aber gar nicht ein, Juden werden zu müssen, um dann Christen sein zu können. In diesen Konflikt mischt sich der Jude Paulus ein und sagt unmittelbar vor unserem Predigttext: versucht so zu leben, wie die Schwächsten es können. Die Schwachen sind das Maß aller Dinge, damit niemand auf der Strecke bleibt. Ihr starken seid stark genug, um auf die Schwachen Rücksicht zu nehmen.

Das ist in unserer Zeit vorgeblich nicht zeitgemäß, wo es doch heute in erster Linie darum zu gehen scheint, sich durchzubringen und möglichst alle Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Dass dabei Viele auf der Strecke bleiben, die missmutig und frustriert sind, wird in Kauf genommen, Hauptsache uns geht es gut.

Diese Haltung war z. Z. des Paulus nicht neu, denn auch im Römischen Reich gab es diese Devise. Die Christen fielen in diesem Multikultistaat vor allem aber dadurch auf, dass sie sich um die kümmerten, die zurückblieben, die keiner mehr im Blick hatte. Das machte sie in den Augen vieler Menschen sehr glaubwürdig und viele Menschen auf die Christen aufmerksam.

Das erkannten sehr bald auch die Mächtigen der damaligen Zeit: wer sich nicht um das Wohl aller sorgt, der untergräbt den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft und sorgt letztlich damit für ihren Untergang.

Diese Stimmung ist übrigens der Stimmung in unserer Gesellschaft gar nicht so unähnlich, in der auch Viele meinen, zu kurz zu kommen. Verglichen mit der Zeit des Römischen Reiches, hätte heute zwar niemand Grund zu klagen, aber verglichen mit den Verhältnissen unserer Tage, die uns die Werbung als das Normale vorgaukelt, geht es uns heute allen schlecht, selbst wenn der überwiegende Teil der Weltbevölkerung gerne unsere Probleme und unseren Standard hätte - ohne zu klagen!

Paulus sagt den römischen Christen: im Alten Testament belegen Stellen, dass es auf alle ankommt, auf Juden und Nichtjuden, auch Schwache und Starke, auf Glückskinder und Pechvögel, auf Männer und Frauen.

Es ist daher wichtig, dass ihr lernt, einander zu akzeptieren und zu ergänzen. Eine solche Haltung wird euch Geduld abverlangen aber auch Trost und Hoffnung geben. Liebevolles Miteinander schafft, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist, ein geistliches, ein geistiges und auch ein soziales Wachstum und gutes Miteinander. Das werden euch die Menschen abspüren – im Römischen Reich wie heute hier, in Stotternheim, überall wo ihr Christen lebt.

Diese Geduld wird dazu führen, dass wir einträchtig und einmütig miteinander leben lernen. Wer begriffen hat, dass alle die Chance haben müssen, zu ihrer Entfaltung zu kommen, der wird niemandem, weder den Alten noch den Jungen, ihre Meinung absprechen müssen.

Der wird jeden als gleich wertvoll und wichtig erachten. Und wer so lebt, der verwirklicht Toleranz. Er behauptet nicht nur, tolerant zu sein und meint eigentlich Gleichgültigkeit, sondern er lebt es auch, es wird ihm zur Lebenshaltung.

Das ist ein wichtiger Gedanke in unserer Zeit, in der wir die Alten mundtot machen, in der junge und sicher dynamischere Menschen, die aber nur unerfahren sein können, höher geachtet werden, als die Menschen, die schon viele Erfahrungen gesammelt, die Niederlagen und Siege errungen haben. Das kann nicht gut gehen, dass kann nur zur Wiederholung von Fehlern führen, die unser Volk schon oft in verhängnisvolle Situationen gebracht haben.

Interessanter Weise setzt sich in bestimmten Wirtschaftszweigen zunehmend die Erkenntnis durch, dass nicht nur Menschen unter 40 Jahren in Firmen eingestellt werden  sollten. Das verunmöglicht nicht nur den Älteren jeden Neuanfang, sondern beraubt die Firmen auch der Ressource Erfahrung. Hier sind erste, dringend notwendige Ansätze eines Umdenkens wahrnehmbar – übrigens sehr christliche Ansätze!

Wer sich auf den Glauben und die Erfahrungen der Alten einlässt, kann mit anderen gemeinsam, und seien sie ihm fremd, Gott loben und danken, der weiß sich im Glauben mit vielen Menschen einig, braucht keine Abgrenzung und keine Barrieren.

Das Wort Gottes ist das Fundament, auf dem ihr steht, ist der Boden, in dem sich die Wurzeln eures Lebensbaumes tief eingraben können und Halt finden.
Mit Verweis auf den Propheten Jesaja verdeutlicht Paulus dann, wen er für das einigende Band, den Einiger schlechthin hält: Jesus Christus.

Durch ihn wird die Einigkeit erwartet, durch ihn, auf den wir in dieser Adventszeit warten. Er ist schon auf dem Weg, sein Erscheinen erwarten wir in dieser Adventszeit, das ist ihr Sinn und ihr Zweck: warten auf den, der da kommen will, der bei uns ankommen will.

Warten in Geduld und getröstet, warten in Einmütigkeit, warten auf seine Ankunft: Advent.

Dieses Warten wird erleichtert, wenn wir gemeinsam warten. Gemeinsam aber können wir nur warten, wenn wir einander tragen und ertragen, wenn wir einander ernst nehmen, wenn wir einander zu Wort kommen lassen und zuhören.

Deshalb finde ich es wichtig, dass die jüngeren Generationen wieder lernen, auf die Erfahrungen der Alten zu hören. Ebenso wichtig ist jedoch, dass die Alten aushalten lernen, dass die Jüngeren ihre Erfahrungen sammeln müssen, dass sie nicht immer die Erfahrungen der Alten für das Maß aller Dinge halten – beides ist nötig. Die Jugend hat auch das Recht auf ihre eigenen Fehler, wie sonst sollen sie lernen, was im Leben trägt?

Paulus sagt, und das war 1971 Jahreslosung: Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (http://www.jahreslosung.net/archiv.htm)
Wenn es uns in unserer Gemeinde gelänge, einander anzunehmen, in fröhlichem Zusammenleben, dann strahlte das auf unsere Umwelt aus, dann würden sich Menschen auf den Weg machen und zur Krippe hin finden, die sie bislang nicht nötig zu haben meinten.

Was vor 2000 Jahren Christen attraktiv gemacht hat, ihr sorgsamer, gelassener und fröhlicher Umgang miteinander, das hat auch heute zweifellos seine Wirkung.
Unser Advent ist eine Einladung zur Sorgsamkeit und zur Geduld. Er  will uns trösten, will uns auf den Weg senden, dem Weg zu uns selbst, dem Weg zum anderen, dem Weg zu gelingendem Leben, dem Weg zu Gott. (Der Weg ist Thema des Son ntags)

Und wir dürfen sicher sein, er kommt uns entgegen, er will bei uns ankommen und uns beschenken. Seien wir bei uns und strecken wir ihm unsere offenen Hände und Herzen entgegen. Amen.