
Pfarrer Kristóf Bálint, 2. Advent, Jes 63,15f.19b und 64,1-3
Liebe Gemeinde,
in den Veranstaltungen der gestern zu Ende gegangenen Woche bemühte ich mich redlich um die Vermittlung der Sinnhaftigkeit von Advent. Das wird umso schwerer, je mehr wir uns von dem Selbstverständnis dieser Zeit entfernen und vor allem je länger wir immer alles zur Verfügung haben und dies selbstredend für normal halten: Wasser im Überfluss, mehr zu essen als uns gut tut, Genussmittel in kaum zu überschauender Zahl, mehr Zeit für Freizeitbeschäftigung als jede Generation vor uns usw.
Wer gestillten Hunger erlebt hat oder die Labsal von sauberem Wasser nach langer Zeit des Durstes, der weiß die Kostbarkeit von Lebensmitteln zu schätzen. Wer alles hat, wenn er den Kühlschrank öffnet oder den Wasserhahn aufdreht, dem kann es leicht passieren, dass er den betörend sinnlichen Geschmack einfachen, frischen Brotes nicht mehr schätzt.
Deshalb ist der Advent so wichtig, denn es ist eine Fastenzeit, eine Zeit des Zurücktretens vom Alltag und seinen Beschäftigungen und eine Zeit der Besinnung auf das Wesentliche. Die Freude an Adventsfeiern soll uns nicht vergehen, das gemeinsame Singen hat seinen Charme, das Knabbern am Gebäck bringt Gaumenfreuden mit sich, doch wir dürfen darüber nicht vergessen: nichts davon ist selbstverständlich.
Zuweilen müssen wir bewusst auf etwas verzichten, damit wir nach einer Weile spüren, wie schön es ist, dass wir es haben: den Computer, das Handy, den Schluck Rotwein, die zart schmelzende Süßigkeit.
Ich vergleiche das Geschehen der Adventszeit mit einem Sportler vor dem 100 Meter-Sprint. Da kann noch so viel Trubel im Stadion herrschen, er konzentriert sich auf seinen Lauf, denn er weiß, bei einem Fehlstart wird er disqualifiziert. Dann rennt er los und gibt was er kann. Erst im Ziel, wenn er gewinnt, reißt er die Arme hoch. Sein Streben hat ein gutes Ende gefunden, nun kann er jubeln, dafür ist jetzt die Zeit. Jetzt kann er in vollen Zügen genießen.
Der Advent will die Zeit der Konzentration und des Laufes in diesem Bild sein. Nichts soll uns ablenken, wir wollen uns nicht einmal selbst ablenken mit all dem Tand, der uns als Unterhaltung angeboten wird, den steppenden und blinkenden Weihnachtsmänner, den von Herzschmerz getränkten Schlagern u.v.a.m.
Stille kommt nicht ohne unser Zutun zu uns, wir müssen ihr Raum geben, sie einlassen und auffordern: „Komm!“
Ich kann in diesen Tagen oft von Stress hören, dem sich Menschen ausgesetzt sehen. Mit einem Becher Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt in der Hand oder in der Einkaufspassage erzählen sie davon, dem Gedudel der Weihnachtslieder in Endlosschleife ausgesetzt - aber es zwingt uns doch keiner dazu.
Wer sagt uns eigentlich, dass wir uns dem Trubel nicht entziehen können? Uns einfach auf ein blaues Sofa setzen und einen heißen Kakao trinken? Das geht doch immer, wir müssen uns nur die Zeit dafür nehmen.
Oder zum Adventsliedersingen heute Nachmittag in Nöda gehen und mit anderen die Lieder singen, die in diese Zeit gehören und die eher nachdenklich stimmen, weil sie uns nachsinnen lassen, was alles noch unerledigt ist in unserem Leben, bevor der Besuch kommt, den wir zu erwarten vorgeben. Advent – Ankunft. Wer kommt da bei uns an?
Kaum eine Zeit ist von überbordenden Erwartungen so angefüllt wie die Weihnachtszeit, alles soll klappen und harmonisch sein und oft geht es genau deswegen daneben. Advent will uns den Raum öffnen für realistisches Nachdenken: was ist wirklich möglich und was ist absolut nötig? Was braucht es zweifellos und was nicht?
Ich bin überzeugt, dass viele Menschen das Schönste an der geweihten Nacht noch nicht erleben, weil sie die Zeit vor Weihnachten nicht andachtsvoll durchmaßen und sich keine Zeit für sich und die innere Ankunft nahmen. Doch auf Gäste müssen wir eingestellt und vorbereitet sein – innerlich wie äußerlich. Aufs Äußere achten wir immer, denn wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen. Doch wie sieht es mit unserem Inneren aus? Gilt ihm unsere Mühe gleichermaßen?
Diesem Bemühen will die violette Fastenzeit dienen, niemand wird gezwungen, auf etwas zu verzichten, jeder kann seinen Verzicht und sein Schrittmaß selbst festlegen. Miteinander hören wir den nachdenklich stimmenden Text aus dem Buch des Propheten Jes, der uns heute vorgelegt ist.
15So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo sind nun Dein Eifer und Deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich mir gegenüber zurück. 16Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name. 19bAch dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 1wie Feuer ein Reisig entzündet und wie Feuer das Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! - 3und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.
Wenn wir uns auf dieses Geschehen einlassen, dass uns hier ein Nachsinnen befähigen will, frei und aufgeräumt zu werden, dann hören wir Worte der Klage, die oft genug unsere eigenen sein könnten: Wo bist Du, Gott? Warum greifst Du nicht ein? Warum hilfst Du mir nicht, der ich Dich himmlischer Vater nenne?
Lauter Fragen, die unser Blickfeld verstellen, wenn wir zur Heiligen Nacht auf die Krippe schauen und die unseren Augen auch jetzt schon weh tun, in der oft empfundenen Zerrissenheit unseres Lebens.
Wo bleibt Gott in unserem, in meinem Leben?
Gemach, wir gehen ja erst auf seine Ankunft zu, doch noch ist der Zug nicht eingerollt, der Zug aus einer viel zu jungen Mutter und einem Zimmermann, einem Kind in einem Futtertrog, den Hirten und den weisen Männern und den, wie immer hinterher hetzenden Soldaten.
Worauf träfen Sie bei mir, wenn sie ankämen, in der armen Behausung meiner Seele, tapeziert mit Angst vor Versagen und Nichtgenügen?
Gott, so sagt es Jesaja, hält sich ihm gegenüber zurück und doch ist er der einzige Bezugspunkt, denn die Erzväter und das Volk als Bezugsgröße vermögen keine Antwort zu geben. Auch wir Deutschen haben schon erlebt und erleben das bis heute, dass die Zugehörigkeit zu einem Volk keinen tragenden Sinn zu geben vermag.
Gott selbst soll kommen, wünscht sich Jesaja. Uns selbst ist dieser Wunsch nicht unbekannt, wenn wir die Zerrissenheit dieser Welt wahrnehmen, den nicht enden wollenden Konflikt von Israel und Palästina, die Kriege in Afghanistan und im Irak oder der irrsinnige Glaube, dass manches Leben wertvoller sein solle als das von Menschen anderer Nationalität. Hier sollte Gott erscheinen und dreinschlagen, Ordnung machen, aufräumen! Wieso packt er nicht zu und räumt auf?
Würden wir das wirklich wollen? Wäre das die Erlösung die Jesaja meint? Würde er nicht auch bei uns so einiges finden, dass aufgeräumt oder ausgeräumt werden müsste?
Gewiss, am Ende der Tage wird alles vergehen, so sagt es die Heilige Schrift. Doch hier wird nicht vom Ende der Tage gesprochen.
Hier steht der Prophet, uns gleich, mit ganz konkret empfundener Last und der Bitte um Wandlung. Das ist doch wie die Vorbereitung auf sein Kommen.
Ich schaue mir an, was in der Welt oder bei mir los ist. Ich halte es Gott hin und frage ihn: wann kommst du endlich? Der Zug ist noch nicht eingefahren und ich nutze die Zeit, um mir all die Dinge in meinem Leben anzusehen, die mir wie Ballast auf der Seele liegen: die halbfertigen Aufgaben, die ich immer wieder wegschiebe, die nicht ausgesprochene Bitte um Verzeihung, wo sie nötig gewesen, der nicht stattgefundene Besuch bei einem Menschen, der meiner bedurfte, das Eingeständnis, dass ich schon so viel falsch gemacht habe und leider bei anderen die Fehler entdecke, die mir selbst eignen.
Ich lasse die Rumpelkammer meiner Seele auslaufen, ich werfe hinaus, was mich schon immer bedrückte, ich halte es Gott hin und höre währenddessen einen befreienden Satz: Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.
Das will ich gerne annehmen, darauf vertrauen und sagen: Ja, ich hätte gern, dass du eher ankämest. Ich hätte gern, dass Du mir das Aufräumen abnähmest. Ich hätte gern, dass alles viel einfacher wäre und nicht so schmerzvoll.
Aber nicht ich stelle die Regeln auf. Du kommst, wenn es Dir gefällt. Du bestimmst den Zeitpunkt und die Art, meine Aufgabe ist es bereit zu sein und Platz gemacht zu haben in mir - für Dich.
Im Konfirmandenunterricht sprechen wir gerade über das Beten. Einer meiner Lehrer hat gesagt, dass unser ganzes Leben ein Gebet sein soll. Wo wir gehen und stehen, an der Ampel, beim Bäcker, am Krankenbett, beim Babywickeln, überall sollen wir beten. Es braucht nicht viel, nur die bewusste Haltung „Danke, dass DU da bist.“
Im Grunde genommen reicht ein Wort, ein Wort, das im Judentum ungesagt bleibt, um es nicht zu banalisieren. Es ist der hebräische Gottesname: JHWH.
Dieser Name ist das einzige Wort, das jeder Mensch jeden Tag ausspricht, ohne dabei die Lippen zu bewegen. Wenn er es bewusst tut, dann ist dies schon sein Gebet, das den Schöpfer und Bewahrer der Welt preist: JHWH.
Es ist die Einstellung, die unser Leben zu dem macht, was Gott aufsuchen will. Nutzen wir die Adventszeit um aufzuräumen, stille zu werden und Platz in uns zu schaffen.
Halten wir Gott beim Schein der Kerzen (allein oder mit einem anderen) all das hin, was unvollkommen, misslungen oder falsch war und ist. Tun wir dies mit einem Gebet und in der Erwartung der Erhörung, denn Gebete werden erhört, wenn sie mit dem Satz enden „aber nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe.“
Gott sieht uns, er schaut zu uns und sieht uns freundlich an. Und während wir aufräumen und uns mehr und mehr auf seine Ankunft freuen, können wir schon das Licht der nahenden Heiligen Nacht sehen, das Licht, das seinen Ursprung in der Krippe hat. Amen.
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