Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, Ewigkeitssonntag, Lk 12, 42-48

Liebe Gemeinde,

wer eher selten zur Kirche kommt und die Sonntage mit Kirchgang bewusst auswählt, sei es aus Tradition, aus Bequemlichkeit oder einem anderen Grund, der dürfte sich heute verwundert die Ohren reiben, welch schwerer Text als Grundlage für diese Predigt vorgegeben ist.

Aber Christsein ist kein Kuschelsofa, in das ich mich bei Bedarf hinein schmiege und in ihm die Antworten finde, die mir gerade passen, sondern Christsein ist eine Lebenseinstellung, die das ganze Leben durchdringt und in unserem Leben gibt es  ja auch harte und schöne, traurige und fröhliche Zeiten.

Da gibt es Dinge, die wir nicht auf Anhieb verstehen und durchschauen, da sagt uns keiner, was wir zu denken haben oder „uns unsere Meinung“, sondern da ist unser Verstand, den Gott uns gab, ganz gefordert.

Es gibt überdies Ereignisse, die unser Verstand nicht begreifen kann, die sich erst nach langer Zeit, u.U.  von ganz von selbst erschließen. Selten wird uns das so deutlich wie heute am Ewigkeitssonntag, an dem wir der Verstorbenen des zu Ende gehenden Kirchenjahres und der Zeit davor gedenken.

Stellen wir uns doch einmal vor, wir würden vor ein, zwei Jahrhunderten von einem reichen Menschen damit betraut worden sein, sein Hab und Gut zu verwalten. Es gäbe verschiedene Möglichkeit, damit umzugehen:
- endlich mal „auf den Schlamm hauen“ und auch so leben, wie der das ganze Jahr oder
- mal so richtig Geld ausgeben und was für uns beiseite bringen, der merkt das sowieso nicht oder
- das Geld ängstlich besorgt verwalten und hoffen, dass der Besitzer bald wieder kommt, denn Geld muss „arbeiten“ und verlangt Verantwortung von dem, der mit ihm umgeht oder
- das Geld anlegen, souverän einsetzen, Not lindern und Gewinne machen, damit es sich „vermehrt“. Wenn es das eigene wäre, würde man das schließlich genauso machen.

Das sind nur vier Möglichkeiten, alle unterschiedlich motiviert, alle mit unterschiedlichem Ergebnis. Je nachdem wie wir gestrickt sind, würden wir der einen oder anderen Variante zuneigen.

Neben dem Ergebnis, dass bei der Rückkunft des Besitzers zählt wie viel vom Besitz noch übrig ist und ob wir ehrlich waren, ist auch noch wichtig, mit welcher Einstellung wir das Vermögen verwalteten.

Handelten wir aus Eigennutz, aus Selbstsucht, aus Berechnung, aus Selbstdarstellungssucht oder handelten wir aus dem Empfinden heraus, dass sich das so gehört, dass wir es auch ohne Lohn machten, hatten wir wohlmöglich Freude an dieser Tätigkeit?

Ich befürchte, dass in unserer Zeit die „Geiz ist geil“- Mentalität schon Vieles zerstört hat, was früher selbstverständlich war.

Viele Menschen sehnen sich nach der Zeit, als wir noch ohne Berechnung einander halfen und uns beistanden und assoziieren das mit der DDR. Dabei hatte das mit der DDR rein gar nichts zu tun, sondern damit, dass alle einigermaßen gleich wenig besaßen im Vergleich zu heute (von ein paar Genossen abgesehen) und so weniger Sozialneid aufkam. Zwar gab es auch früher schon Leute die mehr besaßen (hier in Stotternheim z.B.  die von Wangenheims), aber das wurde nicht so offensichtlich und nicht so zur großen Anfechtung. Die Reichen spürten, z.T. auch aus Selbstnutz, eine soziale Verantwortung für die Armen und stifteten Spitäler und Waisenhäuser und bezahlten die Armenversorgung.

Heute gibt es oft einen Wettbewerb, wer das meiste für sich horten kann und erst am Totenbett oder in der Stunde der Trauer wird offensichtlich, wie armselig das Streben nach materiellen Dingen eigentlich ist. Keiner kann den Geländewagen, den Pool oder die Wertpapiere mit ins Grab nehmen.

In unserem heutigen Bibeltext geht es in ganz drastischer Weise darum, dass wir prüfen sollen, mit welcher Einstellung wir durchs Leben gehen. Er steht im Lk und Jesus antwortet da auf die Frage des Petrus, wann das Reich Gottes anbricht und wie die richtige Lebenseinstellung der Christen sein soll:

Jesus aber sprach: 42Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? 43Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht, was nötig ist. 44Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.
45Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich voll zu saufen, 46dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.
47Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen. 48Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.


Häufige Kirchgänger wissen, dass wir Bibeltexte nicht herunterlesen können und dann meinen, wir wüssten Bescheid. Bibeltexte müssen sorgsam betrachtet und manchmal lange gekaut werden. Sie können schwere Kost sein und schmecken zuweilen regelrecht bitter und erst nach einer Weile merken wir, dass sie kostbar sind und unser Leben bereichern können. Sie sind Texte für einen Prozess, auf den wir uns einlassen müssen.

In unserem Text wird das Ende der Welt bedacht, das der Anfang der neuen Welt sein wird. Petrus hat Jesu Worte nicht verstanden und fragt nach. Jesus antwortet ihm in einem Gleichnis, das unser Zuhören und Nachdenken erfordert. Jesus sagt, dass es auf die rechte Grundeinstellung ankommt. Wir sollen jeden Tag so leben, dass wir bereit sind, dass es unser letzter sein könnte.

Ich halte das für eine sehr gesunde und kluge Lebenseinstellung, denn wer von uns würde sein Leben nicht verändern müssen, wenn er mit dieser Einstellung lebte? Wenn wir ehrlich sind, dann leben wir doch oft so in den Tag hinein, wir glauben alle Zeit der Welt zu haben, die wenigsten, vor allem die, die dem Tode schon nahe waren, leben so, dass sie für jeden Tag dankbar sind.

Was würde denn passieren, wenn wir in dieser Grundhaltung lebten? Würde nicht mancher Streit gar nicht stattfinden, um aufgeblasener Nichtigkeiten willen, wer z.B.  recht hat und wer nicht? Denn wir wüssten ja nicht, ob wir anderntags noch die Gelegenheit hätten, die Dinge gerade zu rücken. Diese Einsicht wächst uns leider oft nur Angesichts des Todes oder in Angesicht von Krankheit oder Unfällen zu.

Dann fragen wir nach dem Warum und nach Gott, den wir sonst gerne einen „guten Mann“ sein lassen, weil wir glauben, ihn nicht nötig zu haben. Stimmt das nicht?

Am letzen Sonntag habe ich in meiner Predigt das Bild gebraucht, dass jeder von uns, wie wir hier sitzen, vom Schöpfer dieser Welt jeden Tag 86.400 Sekunden zur Verwaltung bekommt. Es ist nicht unsere Zeit, sie ist uns treuhänderisch übertragen. Wir besitzen sie nicht, so wie wir sie auch nicht vermehren können. Wir sollen sie nutzen, mit ihr umgehen – sorgsam, aufmerksam und wertschätzend.

Wir bekommen alle unsere Lebenszeit. Wie gehen wir mit ihr um? Verprassen wir sie und stopfen alles in uns hinein, was wir kriegen können: Essen und Trinken, Spaß, Urlaube u.v.a.m. und vergessen dabei die alleinstehenden Angehörigen, die Mutter im Altersheim, den Nachbarn, wen auch immer?

Oder nutzen wir die Zeit für uns und die anderen, die, die unsere Zuwendung und Zeit brauchen, die traurig, krank und allein sind?

Wie viele Menschen es doch leider gibt, die sich in ihrer Jugend nicht um die kümmern, die Hilfe benötigen und nur mit der Planung ihres Lebens beschäftigt sind und sich dann wundern, wenn sie alt geworden sind, dass ihre Kinder es mit ihnen ebenso machen und dann darüber klagen.

Woher sollen es ihre Kinder auch besser wissen, sie haben es ja nicht vorgelebt bekommen? Viele Klagen über „Kinder und Jugendlichen von heute“ treffen eigentlich die Elterngeneration, die ihren Kindern das Elementarste nicht vorgelebt hat und sich dann wundert, wenn die Folgen sie Jahrzehnte später selbst treffen werden.

Unser Predigttext ist eine eindringliche und in Teilen auch martialische Aufforderung, sein Leben jeden Tag so zu leben, dass wir mit unserem Ende rechnen. Es könnte schneller kommen, als wir es uns alle wünschen. Wir haben auch in diesem Jahr im Kirchspiel wieder vier junge Menschen zu Grabe getragen (darunter drei Babys).

Das braucht uns nicht zu lähmen oder verzagt zu machen, sondern es soll uns für die Kostbarkeit unseres Lebens sensibilisieren. Wenn wir jeden Tag in dieser Aufmerksamkeit und im Horizont dieser Tatsache leben, dann werden wir manch sinnfreien Streit einfach nicht führen, dann werden wir uns anderen zuwenden, weil wir wissen, dass dies zu uns zurück kommt, wenn wir es benötigen.

Dann werden wir treue Verwalter nicht nur unserer Lebenszeit sondern auch unserer Gaben und Talente sein, sie einsetzen für uns und andere. Dann werden wir nicht nach dem größtmöglichen Spaß, nach der größtmöglichen Rendite für uns fragen, sondern was uns und anderen gut tut.  

Das fordert freilich einen Mentalitätswechsel in uns, das fordert von uns auch, dass wir nicht verzagen, wenn wir gegen Strom und Zeitgeist schwimmen müssen. Eine Welt, in der sich jeder selbst der Nächste ist, wird unbarmherzig und sinnleer.

In einer solchen Welt ist es heilsam und gut, wenn Menschen zueinander stehen und für einander da sind. Nicht so, dass die einen immer geben und die anderen immer nehmen. Sondern so, dass wir einander wertschätzen und in unsere Gemeinschaft hineinnehmen. Geben und Nehmen werden dann zu einer Selbstverständlichkeit.

Heute zuerst die Trauernden, aber auch die, die allein sind, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen. Gemeinsam mit den Fröhlichen, den Zufriedenen und den Dankbaren können sie miteinander gute Verwalter der geschenkten Lebenszeit sein, „Gemeinschaft der Glaubenden“ und der darauf Vertrauenden, dass sie diesen Weg nicht alleine gehen, sondern mit dem, der Ihnen zugesagt hat, dass er bei ihnen ist alle Tage, bis an der Welt Ende (Mt 28,20).

Er ist heute unter uns im Abendmahl, er ist bei uns, wenn wir ihn ernstlich anrufen. Deshalb braucht uns auch der Schlusssatz des Predigttextes nicht ängsten: „Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern“.

Uns ist viel gegeben, viel Lebenszeit, viele Gaben und Talente, viel Zutrauen und Vertrauen. Wir können das bewusst gut verwalten und wenn das Ende unserer Tage, das Ende der Zeit gekommen ist, dann können wir sagen: „Hier, Herr, sieh, ich habe gut verwaltet, was du mir gegeben und anvertraut hast.“

Darin drückt sich unser Vertrauen auf den aus, der uns das Leben gab und dessen Lob sich in den Zeilen von Johann Gramann von 1549 ausspricht:

Sei Lob und Preis mit Ehren
Gott Vater, Sohn und Heilgem Geist!
Der wolle in uns mehren,
was er aus Gnaden uns verheißt,
dass wir ihm fest vertrauen,
uns gründen ganz auf ihn,
von Herzen auf ihn bauen,
dass  unser Mut und Sinn
ihm allezeit anhangen.
Drauf singen wir zur Stund:
Amen, wir werden's erlangen,
glaubn wir von Herzensgrund.“ (EG 289,5)

Amen.