
Pfarrer Kristóf Bálint, Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, Lk 16, 1-9
Liebe Gemeinde,
in der gegenwärtigen Eurokrise, die uns schon am Morgen mit den ersten Radiowellen die Beine umspült und die uns einseift, noch ehe wir uns in der Dusche nass machen konnten, können wir aus Deutschland manch weisen Ratschlag hören, wie die andere Länder ihre Probleme in den Griff bekommen könnten.
Vom bierseligen Vorschlag des Inselverkaufs der Griechen bis hin zur Wiedereinführung der Drachme reichen die Vorschläge sogenannter Experten, die sich in Aktionismus überschlagen und uns so lange in die Ohren geträufelt werden, bis wir auch die Meinung des letzten Hausmeisters zur Causa kennen oder sich eine andere Sau findet, die wir durchs Dorf treiben können.
Beispielsweise, wie sich ein bestimmter Prominenter bereichert hat. „Die haben so viel und wollen noch mehr“. „Die da oben bedienen sich doch selbst am meisten“ und kaum jemandem fällt auf, dass diese Meinungen bewusst lanciert werden, um wieder eine schöne Story breittreten zu können. Die Menschen sollen von ihren eigentlichen Problemen abgelenkt (man nennt das gerne euphemistisch „unterhalten“) werden oder sie wollen sich selbst von ihnen ablenken. Nur ja nicht an die eigenen Probleme denken, die der anderen sind viel interessanter.
Dabei könnten wir, bei genauer Betrachtung und Auseinandersetzung mit unseren Fehlern, aus den eigenen Fehlern und denen der anderen sehr viel für uns selbst lernen. Wenn wir persönlich im Zweifelsfalle überlegen, ob wir eine Reparatur von einem Fachmann mit Auftrag oder von einem Freund und damit am Fiskus vorbei machen lassen, dann ist letzteres auf den ersten Blick zwar klug und preiswerter, wir dürfen uns dann aber nicht wundern, wenn der Staat im Ernstfall kein Geld hat, denn wir haben ihm ja, im Kleinen wie im Großen, keines gegeben.
Das ließe sich noch über Steuerklärungen, Spesenabrechnungen u.a. Bereiche sagen, gelten wir Deutsche doch als einfallsreich, den Fiskus um Steuereinnahmen zu bringen.
Das Problem ist jedoch vielschichtiger als es hier darzustellen möglich ist und außerdem soll das ja auch nur ein Aufwärmrn für den Bibeltext sein. Der ist heute ungeheuerlich, weil so abseits aller bisherigen Texte und ihrer Botschaften. Hören wir ihn, er steht im Lk:
1Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. 8Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter Ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. 9Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.
Das ist doch starker Tobak Wird hier zu Lug und Trug angestiftet. Machen wir alles falsch, wenn wir ehrlich sind? Mich wundert, dass mir dieser Text noch nicht zu „Dir Deine Meinung“ wurde. Es wäre doch eine treffliche Vorlage für die Bedienung all der gängigen Klischees und dann noch aus der Bibel zitiert. Was will man mehr?
Aber es ist beim Lesen der Bibeltexte eben anders als bei der morgendlichen Lektüre der Tageszeitung, die uns, so leichthin überflogen, die Auffassung vorgaukelt, wir hätten von allem eine Ahnung und jetzt alle Hintergrundinformationen und den Durchblick.
Bibeltexte müssen oft gelesen, kräftig gekaut und manchmal auch lange verdaut werden, bis sich uns ihr Sinn erschließt. Das geht nicht so im Vorbeiflug. Das ist wie bei einer guten Möhre, es dauert, bis wir die zerkaut und bis zu ihrem süßen „Kern“ vorgedrungen sind.
Das ist für mich besonders schön bei unseren Enkelinnen zu sehen, die die Möhren gern ringsherum abschnurpsen, bis nur noch die Kernmöhre übrig ist und diese dann mit besonderem Genuss verspeisen. Das ist ein gutes Bild für die Lektüre von Bibeltexten, fällt mir dabei auf.
Wenden wir uns also diesem Text in dieser Weise zu und hüten wir uns vor voreiliger Oberflächlichkeit. Unser Text steht in einem Zusammenhang, in dem Jesus in Gleichnissen vom Reich Gottes erzählt (z.B. verlorenes Schaf, verlorener Groschen, verlorener Sohn). „Wie ist das Reich Gottes?“ fragen die Leute. Sie konnten sich das ebenso schwer vorstellen wie wir. Jesus sagt, im Reich Gottes herrschen andere Maßstäbe als bei uns, es herrschen Gottes Maßstäbe.
Aber der Verwalter betrügt doch augenscheinlich und wird dafür noch gelobt! Bezogen auf das Öl und das Mehl stimmte das auch, nach unseren Maßstäben. Doch stimmt es auch bei Gott?
Es kommen Denunzianten, die es offensichtlich zu allen Zeiten gibt, zu einem Gutsherrn oder Großbauern und hinterbringen ihm Nachrichten über seinen Verwalter: er verschleudere seinen Besitz.
Der Herr lässt ihn rufen und geht den Anschuldigungen auf den Grund. Der Verwalter darf sich erklären und verteidigen, auch wenn seine Weiterbeschäftigung bedroht ist.
Im Angesicht existenzgefährdender Gefahr, handelt der Verwalter und gibt freizügig ab von dem, was er für einen anderen zu verwalten hat. Er tut das nicht ohne Eigensinn, denn er kann ja nicht(s) ander(e)s. Das lobt der Herr.
Merkwürdig, da müssen wir doch nachdenklich werden, dem Text nachdenken, ihn schmecken und seinen Sinn zu erfassen suchen, daran rumkauen wie an einer Möhre.
Wie so oft, wird unser Blick von dem Vorfindlichen abgelenkt. Wenn es um das Reich Gottes geht, dann stehen die Bilder wie immer in Gleichnissen für eine größere, hinter dem Bild liegende Ebene und Wahrheit.
Jeder Mensch hat Gaben: er kann gut rechnen, gut Menschen trösten, gut organisieren oder gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen. Diese Gaben sind ihm geschenkt, er kann nichts dafür. Besser gesagt, sie sind ihm zur Verwaltung übertragen. Wer sie nicht einsetzt, wer mit seinen übertragenen Gaben geizt, an anderer Stelle heißen Sie Talente (Mt 25), eine damals gängige Währung, der geht nicht im Sinne des Herren damit um, der sie zur Verwaltung übertrug.
Im ersten Teil des Gleichnisses bewertet der Herr den Verwalter nicht, er hört die Denunzianten und dann den Verwalter an und stellt ihm seine Entlassung in Aussicht. Seine Sicht der Dinge wird erst im Lob offensichtlich.
Die Verschwendung, die die Denunzianten anprangern, besteht im Verschwenden der Güter des Herrn. So denken wir weithin und auf den ersten, flüchtigen Blick: nur ja nichts weggeben, nur ja alles behalten, sparen und bunkern.
Doch plötzlich gibt es eine Inflation oder wir sind tot und was hat uns dann all das geholfen, was wir horteten? Hat es einen Ertrag gebracht für unser Leben? Ist daraus etwas Gutes entstanden oder blieb es tote Materie?
Das weggeben bzw. vergeben des Verwalters in diesem Sinne bedeutet „vergeuden“, „groß tun“, „verschwenden“, „unnütz verwenden“. So denken wir, gewohnt die Rendite über alles zu stellen.
Der Herr der Welt hat eine andere Auffassung von Verschwendung. Gib Deine von mir gegebenen Talente, deine Gaben frei ab an alle, ich gab sie Dir, damit Du sie verschwendest und weggibst, im Sinne von „Erlassen von Schuld“ so wie wir es in jedem Gottesdienst für uns erbitten (und vergib uns unsere Schuld), im Sinne von Freigiebigkeit und Zugewandtheit.
Diese ist freilich nicht ohne Hintersinn - aber ohne Hinterlist. Wer frei gibt, wer sich anderen zuwendet, von dem wenden sich die Menschen auch nicht ab, wenn es ihm schlecht geht. Der Verwalter bringt es auf den Punkt: 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde, spricht er zu sich selbst.
Wer zu seinen Lebzeiten mit seinen Gaben nicht geizt, wer von dem abgibt, was er als Talent erhielt, zu dem wird die Gabe zurückkehren. Wer sich festmacht an den Dingen dieser Welt, wer alles in den Händen halten will und nichts abgeben kann, dessen Hände werden zu Fäusten. Damit kann er nicht abgeben. Sie halten fest und stehen in der Gefahr darin zu verkrampfen.
Löst euch von den Bindungen dieser Welt, sagt Jesus mit diesem Gleichnis. Haltet euch nicht fest an dem, was vorgeblich Sinn und Halt gibt, es fesselt euch nur und tötet eure Lebendigkeit, es tötet eure von mir geschenkten Gaben in euch ab.
Macht die Hände auf und gebt ab. Verschenkt von dem, was ihr reichlich habt. Die Rentnerin an das Kind, das Nachhilfe in Mathe braucht. Der einsame Mann, der dem jungen Paar bei der Gartenarbeit hilft, weil er das gut kann und die jungen Leute schon mit Ihren Kindern überfordert sind. Das junge Mädchen, das die Grabpflege für die gebrechliche Rentnerin übernimmt. Der kluge Rechner, der dem verschuldeten Paar hilft, seinen Finanzhaushalt so zu strukturieren, dass das Geld am Monatsende noch reicht. Der finanziell gut Situierte, der ohne große Worte gezielt Geld wegschenkt, um konkrete Not zu lindern. Der Beispiele sind Legionen, jeder von uns ist aufgefordert seine Gabe zu entdecken, freizulegen und verschwenderisch damit umzugehen.
Im Sinne des Gleichnisses war der „untreue“ Verwalter vor dem Schuldenerlass „ungetreu“, denn der Herr fordert die Verschwendung unserer Gaben. Niemand kann sich ausnehmen, denn auch der finanziell Arme hat Gaben, die er verschwenden kann. Selbst ein geistig Armer kann abgeben, beispielsweise von seiner Unbekümmertheit, die uns Bekümmerten manchmal hülfe und gut täte.
Ganz handfest und konkret ausgedrückt: ausnahmslos jeder Mensch erhält jeden Tag 86.400 Sekunden Lebenszeit geschenkt. Wer diese Zeit nur für sich haben und sie sparen will, vergeudet seine geschenkte Zeit. Wer sie jedoch mit anderen teilt und verbringt, wer sie gestaltet und sich anderen zuwendet, der wird dadurch nicht ärmer sondern reicher. Wir könnten auch sagen, wer seine Zeit teilt und großzügig an andere „Zeitgläubiger“ abgibt, der verdient sich das Lob des Herrn.
Die dazu fehlende Bereitschaft scheint ein Grundübel unserer Zeit zu sein. Wir sind nicht mehr so gern bereit, Zeit und Aufmerksamkeit an andere abzugeben und merken gar nicht, wie arm wir dadurch geworden sind. Wir meinen, unsere Zeit sei zu kostbar für eine Stunde Zuwendung, einen Gottesdienstbesuch, ein Totengedenken am Volkstrauertag, wir meinen wir müssten genau auf die Sekunden achten und werden dabei immer enger und kleingläubiger, Ich-bezogener und gehetzter.
Wenn wir, so wie zum Martinstag diese Woche, hier im Gottesdienst oder im Anschluss an diesen Gottesdienst beim Totengedenken zum Volkstrauertag, Zeit miteinander teilen, gehen wir als Beschenkte und haben gewonnen – neue Eindrücke, neue Einsichten, neue Freunde…
Wir gewinnen zudem auch eine Erfahrung aus der Verschwendung: andere Menschen sind dankbar für unsere Talente. Sie werden ermutigt, uns auch an den ihren teilhaben zu lassen. Wohl dem, der dann weiß, wem er sie zu verdanken hat und diesen Dank auch in Worte fast. Amen.
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