Predigten

­­

Pfarrer Kristóf Bálint, Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs, Lk 11, 14-23

Liebe Gemeinde,

haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wer laut Grundgesetz (§ 3,3) wegen seiner Behinderung nicht benachteiligt werden darf?

Ist das der Autofahrer, der jedes Mal Schaum vor dem Mund hat, weil vor ihm jemand langsamer fährt als erlaubt oder nötig?

Ist damit der Rollstuhlfahrer gemeint oder der seelisch Erkrankte?

Bezieht sich das in Korrelation auf einen genau festzulegenden Menschen ohne bekannte Krankheiten - wenn es solch einen Menschen überhaupt gibt?

Die Rede von gesunden und kranken Menschen ist hoch problematisch, denn wer legt fest, was gesund und was krank, was richtig und was falsch, was lebenswert und was dann lebensunwert ist… Möglicherweise ist ja der krank, der sich für gesund und richtig hält!

Ein besonders blauäugiger und blonder Mann, der viel Unheil über Deutschland brachte, sagte 1929: „Wenn Deutschland jährlich eine Million Kinder hätte, und wenn es davon 700- oder 800tauend, die Schwächsten, eliminieren würde, könnte das Endergebnis eine Vergrößerung seiner Energien sein.“ (Adolf Hitler)

Wer wollte in einem solchen System festlegen, was schwach ist und was nicht? Wie wäre es, wenn einer feststellte, dass unser eigenes Kind in dieser Lesart schwach und damit lebensunwert ist? Die Schuld der Deutschen als Volk ist, dass es, bis auf einige Wenige, diesen Irrsinn für richtig hielt oder nicht widersprach und diesem Manne hinterher lief und sein Leben für ihn wegwarf, ein Leben das eingeteilt war in vorgeblich arisch und nicht arisch, lebenswert und lebensunwert.

In den letzten Tagen sagten viele, dass der griechische Ministierpräsident Papandreou „von allen guten Geistern verlassen“ sein müsse. Ist dies wohlmöglich das Kriterium für Krankheit? Doch wessen Geist bzw. Geister wäre es dann, die in uns führen, je nach Belieben?

Es gibt Situationen, in denen Menschen nicht bei sich selbst sind, sondern wie weggetreten und eine fremde, als böse Macht bezeichnete Wirklichkeit hat Besitz von Ihnen ergriffen. Das ist etwas Unheimliches, etwas, das wir gar nicht recht beschreiben können, dass uns aber Furcht einflößt und uns unsicher macht.

Zurzeit Jesu wurden Krankheiten durchweg auf ungute Geister zurückgeführt, die in Menschen fuhren und sie peinigten. Daneben gab es auch die Erklärung, dass der krank wurde, der sich selbst oder dessen Familie Schuld auf ihn geladen hatte. Solche kranken Menschen wurden gemieden, waren sie doch selbst an ihrer Erkrankung Schuld oder sie waren infizierend und jeder hatte Angst, sich an ihnen anzustecken und dann auch „wie ein Aussätziger“ behandelt zu werden.

Von Jesus wird erzählt, dass er sich solchen Menschen, vor denen alle anderen Ängste hatten, zuwandte, sie ansprach und heilte, wenn sie es begehrten. Auch unser heutiger Predigttext spricht davon.
14Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich. 15Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, den Obersten der Geister. 16Andere aber stellten Jesus auf die Probe und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. 17Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andre. 18Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. 19Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. 20Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. 21Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. 22Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. 23Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Jesus wird beschuldigt, einen Pakt mit dem obersten Dämon geschlossen zu haben. Das ist sozusagen die Vorlage für Goethes Faust. Dieser Vorwurf kommt nicht etwa von Fremden, sondern aus seinem eigenen jüdischen Volk. Gewissermaßen aus seiner Gemeinde.

Das Wirken Jesu ist unglaublich, er scheint unglaubwürdig zu sein, irgendetwas geht da nicht mit rechten Dingen zu! Dieser kann nur mit Beelzebul, also dem Bösen, im Bunde stehen. Wie schnell wir Menschen doch der Versuchung erliegen, Unerklärliches erst einmal schlechtreden zu müssen.

Problem erkannt, Schuldiger gefunden und nun laßt uns kräftig auf ihn einschlagen. Doch es kommt anders. Jesus stellt sich dem Konflikt. Noch ehe der Gedanke richtig ausgesprochen ist, spricht er ihn an. Er durchbricht den Kreislauf der Gewalt, die sich schon in Worten, also in Gerüchten, Vorurteilen und Behauptungen äußern kann, und legt ihre Widersinnigkeit bloß.

Ihr denkt, dass all das Gute, das ich bringe, durch Böses entsteht? Wie kann das sein?

Immer wieder wurde diese Behauptung in der Weltgeschichte aufgestellt. So beispielsweise in der französischen Revolution: Haut dem König den Kopf ab und wir haben bessere Verhältnisse. Oder in der sozialistischen Bewegung des letzten Jahrhunderts: Wir müssen die Menschen nur umerziehen, notfalls mit Gewalt, bis sie begreifen, was gut für sie ist.

Diese Logik unterscheidet sich nicht von der zu Jesu Zeiten. „Der treibt die Teufel aus, indem er noch größere Dämonen in die Menschen hinein schickt.“

Unser heutiges Wissen führt Krankheiten wie Stummheit oder Epilepsie nicht mehr auf böse Geister zurück, dennoch haben wir ähnliche Gedankengänge wie damals. Wie verhielten wir uns z.B., wenn ein Gemeindeglied unter uns aufstünde und einen Stummen durch Handauflegung zum Reden brächte. Ist die Reaktion der um Jesus Herumstehenden so abwegig und weltfremd?

Jesus erkennt die Gedanken, er hört die unausgesprochenen Worte und geht den Konflikt offen an, im Übrigen die sicherste Methode, Konflikte nicht erst wachsen zu lassen, auch wenn sie gelegentlich sehr schmerzhaft sein kann. Jesus scheut keinen Konflikt. Er benennt das Problem beim Namen und hinterfragt seine Logik. Er zwingt die Menschen damit zum Nachdenken und zum Unterlassen des unbedachten Wortes, das einfach raus plauzt ohne sich Gedanken über seine Wirkung zu machen.

Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet. D.h., das Böse würde sich doch selbst das Wasser abgraben, wenn er den Dämon mit einem anderen austriebe. Die Argumente der Zweifler, der Ungläubigen und auch der Böswilligen fallen in sich zusammen. Sie tragen nicht, sind wie ein Kartenhaus, in das ein kräftiger Wind bläst.

Jesus spricht einen wichtigen Satz, der überhört werden könnte, der aber ganz bedeutsam ist: „Wenn ich aber durch den Finger Gottes die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“

Nun, nachdem die falsche Behauptung widerlegt ist, wird der Anspruch Jesu betont und seine Wirkmächtigkeit erklärt.

Ich mache das nicht, damit ihr mich für einen Wundertäter haltet, oder mich als Lehrer feiert. Ich tue das im Auftrag Gottes.

Der Evangelist Lukas benutzt dafür eine Redewendung, die im Neuen Testament nur an dieser Stelle vorkommt und in der gesamten Bibel nur insgesamt vier Mal: „Finger Gottes“.

Dem einen mag es unverständlich oder weltfremd vorkommen, aber es ist eine Bezeichnung höchster Vollmacht. Die Gesetzestafeln Moses sind mit Gottes Fingern geschrieben (Ex 31,18; Dtn. 9,10) und der Herr läßt durch Mose Wunder geschehen, von denen die Zauberer des Pharao sagen: es sind die Finger Gottes, die dies machen (Ex 8,15)!

Lukas legt sein Bekenntnis zu Jesus von Nazareth in diesen Text. Jesus ist der Gesalbte, der Messias. Sein Handeln ist Handeln Gottes. Mit ihm bricht das Reich Gottes auf Erden an. Blinde sehen und Lahme gehen, alles Hinweise auf die Herrschaft Gottes, die sich in diesen Zeichen widerspiegelt (Lk 7,22). Nicht der Teufel oder das Böse ist Grund für diese geschehenden Wunder, sondern Gott selbst! Die Einheit von Gott und Jesus ist Ausdruck dieses Bildes. Der Evangelist Johannes sagt es noch deutlicher hörbar als Lukas: „Ich und der Vater sind eins“(Joh 8,54 und 10,30)!

Die daran anknüpfende Schlußfolgerung ist nur logisch: Wer nicht für mich ist, der ich im Auftrag Gottes handle, der ist gegen mich.

Die vorgebliche Logik der Hörer wendet sich nun gegen sie selbst. Sie, die Jesus unterstellten, er habe im Namen des Teufels die Dämonen ausgetrieben, stehen vor der schwierigen Alternative: entweder sie akzeptieren die Tatsache, dass Gott in Jesus diesen Stummen hat sprechen lassen, oder sie stehen auf Seiten der bösen Mächte, von denen sie behaupteten, dass Jesus in ihrem Auftrag handle.

Und dies ist die entscheidende Situation jedes Menschen, der mit Gott oder mit Menschen, die an ihn glauben, in Kontakt kommt. Er muss sich entscheiden.

Glaube ist nicht beweisbar, sondern nur im Vollzug zu verstehen. Ein großer Denker des 11. Jahrhunderts, Anselm von Canterbury, hat einmal den wichtigen Satz geprägt: „Credo ut intelligam – Ich glaube, damit ich verstehe“.

Er hat damit eine Grundwahrheit in Worte gefaßt, die auch heute – 900 Jahre später – noch vollgültig ist. Der Glaube ist die Grundlage des Verstehens. Es geht nicht anders herum: Ich will verstehen, damit ich glauben kann. Das hat sich der Jünger Thomas schon sagen lassen müssen, als er die Auferstehung Jesu nicht glauben wollte und erst die Wundmahle Jesu zu sehen begehrte. „Thomas“, sagte  Jesus: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. (Joh 20, 24-31)

Wie steht es mit unserer Gläubigkeit? Wie antworteten wir auf die Aussage: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich!“?  Stehen wir auf der Seite Jesu oder auf der Seite, die dem anderen unterstellt, er wäre nicht recht, er wäre falsch? Wo stehen wir, liebe Gemeinde, jeder von uns?

Unser Text spricht eine  Forderung, einen Anspruch aber auch eine Ermutigung aus. Die Forderung ist klar: Entscheide dich für den geraden Weg, für den Weg der Aufrichtigkeit, den Weg Gottes. Unterstelle dem anderen nichts Böses, es könnte sein, dass du dich damit selbst auf die Seite des Bösen stellst. Rede nichts, von dem Du nicht weißt, es ist richtig und rede vor allem nicht über einen anderen, sondern mit ihm.

Wie wäre die Geschichte nach der Heilung des Stummen verlaufen, wenn einer der Zweifler Jesus direkt angesprochen und gefragt hätte: „Du, Rabbi, ich habe meine Zweifel ob das, was du machst mit rechten Dingen zugeht!“

Wäre ihm Jesus nicht mit Freude in den Augen begegnet und hätte gesagt: Ich freue mich, das du fragst. Das zeigt mir deine Aufrichtigkeit und dein Vertrauen. Schau doch mal genau hin und glaube!

Der Anspruch an uns ist: Rede nicht mit im Chor der entfernt Stehenden, derer, die immer nur zweifeln, ohne sich ernsthaft einzulassen. Geh auf Jesus, gehe auf deinen Nächsten zu, sprich ihn an und lass dich überzeugen. Unter Umständen wandelt sich Dein Kleinglaube in Gewißheit. Wohlmöglich kannst du Dich und deinen Nächsten in einem neuen Licht sehen und spüren: Er und ich, wir sind ein Teil der Gemeinde Gottes. Ein Teil des Leibes Christi (I Kor 12,12ff). Uns würde manch vorschnelles Wort, manch schlechter Gedanke abhanden kommen – und das wäre gut so.

Denn wo wir in unserer Gemeinde diese Wahrheit verlören, dass wir ein Leib mit vielen Gliedern sind, wo wir u.U. sogar untereinander uneins wären, da hätten wir Christus nicht. Er ist das Haupt, wir sind seine Glieder (Kol 1,18).

Die uns befreiende Ermutigung des Textes liegt gerade darin. Du kannst Dich auf Jesus Christus einlassen, denn er ist es, der sich auf Dich schon eingelassen hat. Diese Gewißheit kann uns in dieser Woche begleiten. Sie möge uns befreien zu einem Handeln in seinem Geist, dem Geist der Wahrheit, der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (II Tim 1,7). Dann werden wir zu Zeugen seiner Gegenwart, dann werden Menschen sagen: zu Ihnen möchte ich auch gehören, denn ich spüre Ihnen ab, dass sie aufrichtig sind, dass sie lieben, bitten, danken und vergeben können. Sie wirken trotz ihrer einzelnen Schicksale getragen und voller Zuversicht.

Könnte es ein besseres Zeugnis des christlichen Glaubens auf der Welt, in Deutschland, in Stotternheim, in unseren Familien, vor unseren Kindern geben? Amen.