
Pfarrer Kristóf Bálint, Reformationstag, Mt 10, 26b-33
Liebe Gemeinde,
unser heutiger Gottesdienst führt uns zur Mitte unseres christlichen Selbstverständnisses. Zu ihm gehört das Bekenntnis der Auferstehung Jesu von den Toten, die auch für uns ihre Wirkung zeitigt, in dem sie uns den Weg über den Tod hinaus weist.
Inhaltlicher Schwerpunkt des heutigen Reformationstages ist die Entdeckung des Gewissens als normativer Größe in jedem Christen. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig hölzern, denn es ist heutzutage selbstverständlich bzw. sollte es sein. Ich will es kurz erklären.
Während in der vorreformatorischen Zeit und in manchen Kreisen des Christentums bis heute geglaubt wurde und wird, dass ein Mensch in einem Amt bzw. eine Institution sagen könne und müsse, was richtig und was falsch ist, hat Luthers Schritt der Auseinandersetzung mit seinem Gewissen dazu geführt, dass das Individuum stärker in den Blick kam. Der einzelne stand plötzlich mit seinem Gewissen der Kirche gegenüber und gelegentlich auch konträr zu ihr.
Bis zu Luthers Zeit war es einzelnen klugen Köpfen vorbehalten, ihre persönlichen Erkenntnisse für wichtiger zu erachten als die herrschende Lehrmeinung der Kirche und ihrer mehr oder minder gebildeten Vertreter. Sie behielten das in der Regel besser für sich oder schrieben es unter Pseudonym auf, denn bisweilen konnte schon mal jemand auf dem Scheiterhaufen brennen, um ihn von seinen vorgeblich „schlechten“ bzw. „ketzerischen“ Gedanken zu läutern. Dabei meinte man damals sogar noch, dass die Verbrennung zu dessem Besten diene, ihn läutere und ihm Höllenqualen erspare.
Mit Luther kam nun das Gewissen stärker ins Spiel, denn was seiner Erkenntnis nicht einsichtig war, die sich streng der Heiligen Schrift als normativer Größe unterwarf, dass wurde rundweg abgelehnt, selbst wenn sein Gegenüber eine Mitra oder Tiara auf und rote Schuhe an hatte.
Aus diesem Selbstverständnis Luthers heraus ist es erklärlich, dass er, selbst bei hoher Gefahr für Leib und Leben, am 17. und 18. April 1521 Kaiser Karl V. und der hinter ihm stehenden allgewaltigen katholischen Kirche ins Angesicht widerstand und sagte, dass er seine Erkenntnisse nicht widerrufen könne, wenn ihm seine Ansichten nicht aus der Heiligen Schrift bzw. aus Vernunftsgründen widerlegt würden. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ (Moderne Wissenschaft, die nur das glaubt, was sie zweifelsfrei beweisen kann, schreibt diesen Satz eher Melanchthon zu, der ihn Luther in den Mund gelegt habe, in seinem Duktus passt er aber sehr wohl zum Reformator)
Die katholische Kirche dieser Zeit, in Lehre, Machterhalt und Theologie erstarrt, hatte Gott seiner Güte beraubt, ihn zu einem gnadenlosen Gott gemacht, den man allenfalls noch mit Geldzahlungen etwas Zeit bei den Höllenfeuerstrafen abkaufen konnte, gemäß Tetzels Motto: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Luther hielt dem seine für ihn bahnbrechende Erkenntnis entgegen, die er bei Paulus im Römerbrief (1,17) fand, der sich wiederum auf den Propheten Habakuk (2,4) berief: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“
Luther wollte weg von der Krämerseligkeit seiner Kirche, die lieber Dukaten, Taler und Groschen zählte und prachtvolle Dome baute als bei den Menschen und ihren Nöten zu sein. Luther ging es um die Frage „wozu (uns) Christus drängt und treibet“. Ihm war wichtig, dass uns Jesus Christus zu einem gnädigen Gott führt, zu einer Kirche, die bei Trost, bei Verstand und bei den Menschen ist.
Dabei war ihm bedeutsam, dass die Menschen das Wort Gottes, Gestalt geworden in der Heiligen Schrift, selbst lesen und sich ein profundes, sich an ihrem Gewissen geprüftes Urteil bilden konnten.
Das trieb ihn an, die Bibel zu übersetzen, die bis dahin nur Klerikern zugänglich war. In dieser Heiligen Schrift steht am heutigen Reformationstag nun folgender Predigttext aus dem Mt zu lesen:
26Darum fürchtet euch nicht vor den Menschen. Es ist nichts verborgen, was nicht ans Licht kommen wird, und es ist nichts geheim, das nicht herauskommen wird. 27Was ich euch in der Finsternis sage, das redet im Licht; und was ihr in das Ohr gesagt bekommt, ruft es von den Dächern. 28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, die Seele jedoch nicht; fürchtet vielmehr Gott, der sowohl Leib als auch Seele in der Hölle vernichten kann. 29Werden nicht zwei Sperlinge für eine Münze verkauft? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne Zutun eures Vaters. 30Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. 31Darum fürchtet euch nicht; ihr seid viel wertvoller als (viele) Sperlinge. 32Denn jeder, der sich offen vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem himmlischen Vater. 33Wer sich aber von mir lossagt vor den Menschen, von dem werde auch ich mich lossagen vor meinem himmlischen Vater. Worte der Heiligen Schrift.
Wenn wir diesen Text in uns fallen lassen, dann könnte er eine Menge Furcht auslösen. Doch genau die soll nicht in uns entstehen, sagt Jesus.
Im Text vor unserem Predigttext, wird uns die Aussendung der zwölf Jünger vor Augen gestellt. Jesus bevollmächtigt seine Jünger und gibt ihnen auf den Weg, dass sie öffentlich predigten, Kranke heilen, die Aussätzigen reinigen und die Toten auferwecken sollen.
Sie sollen dabei ganz auf Ihren Aussender vertrauen und sich auch nicht von Fehlschlägen entmutigen lassen. Zwar werden sie Entbehrungen auf sich nehmen müssen (16-23), doch wenn sie nicht freundlich aufgenommen werden, sollen Sie den Staub dieser Orte von ihren Sandalen schütteln (14) und Gott das Urteil überlassen (15).
Dennoch lässt uns der Text nicht furchtfrei zurück: „nichts ist verborgen“, „redet öffentlich von den Dächern“, „Gott kann Leib und Seele vernichten“, „unsere Haare sind gezählt“, „wer sich von Jesus lossagt, von dem sagt sich Jesus los“.
Das ganze Kapitel redet von der Gottesfurcht und wir sind geneigt, dies mit „Angst vor Gott“ zu übersetzen. Doch Furcht und Angst sind nicht dasselbe.
Furcht ist „eine, in Beziehung auf Bevorstehendes oder Höheres (Erhabenes) zurück- oder fernhaltende Seelenregung“, so sagt es Grimms Wörterbuch. Furcht ist unentschlossen, unsicher und unkonkret.
Angst hingegen ist auf etwas Konkretes bezogen, das Sorgen, Grauen, Schauer oder Schauder hervorruft.
Was also hat es mit der Gottesfurcht im ganzen Kapitel auf sich? Im AT lesen wir viel von Gottesfurcht, die aber immer mit der Liebe zu Gott einhergeht (z.B. Dtn 10, 12-15). Diese Furcht ist anders als die, die uns vor Augen steht. Gottesfurcht meint die konkrete Anerkennung Gottes, als für das ganze Leben prägende Kraft und Urgrund des eigenen Seins.
Sie entspricht vielmehr dem, was unsere Sprache mit Respekt benennt, den vor allem Jugendliche einfordern, ohne ihn oft auch nur ansatzweise den Erwachsenen entgegenzubringen. Noch besser bringt es freilich das alte deutsche Wort „Ehrfurcht“ auf den Punkt, doch da spürt man fast den Staub auf der Zunge, so sehr ist dieses Wort aus dem Gebrauch, obwohl in ihm sogar die „Furcht“ ihren Platz hat.
Räumt Gott den gebührenden Platz in eurem Leben ein. Rechnet mit ihm, verlasst euch ganz auf ihn, denn er sorgt für euch (I Petr. 5,7). Mit dieser Ehrfurcht Gottes als Lebenseinstellung, brauchen wir auf dieser Welt nichts mehr fürchten, schon gar keine Menschen oder Gewalten. Jeder, der sich von Jesus senden lässt, ist sein Gesandter, ist sein Stellvertreter, auf Latein „vicarius Christi“, ist sein Brückenbauer, auf Latein „pontifex“. Auf diesem Grund steht Luther als „kleines Mönchlein“, als er die ganzen Mächte der Welt gegen sich hat. Er scheut sich nicht, es laut von den Dächern, von den Kanzeln und vor aller Welt zu bekennen.
Was Christus im Stillen, im Dunkel sagt, das verkündet frei heraus. Es wird ohnehin alles herauskommen, selbst die kleinste Lüge. Deshalb, verstrickt euch nicht, redet so wie ich es euch zukommen lasse, wie ich es euch gesagt habe.
Das ist eine große Entlastung für mich als Prediger und für jeden, der in seinem Umfeld seinen Glauben bezeugt, denn wir müssen manchmal gegen unsere eigenen Zweifel ansprechen, sozusagen kontrafaktisch, müssen uns selbst Dinge laut sagen, damit wir diese Worte gleichsam von außen, als Zuspruch und Anspruch (siehe Votum am Beginn des Gottesdienstes) hören.
Dass Gott alle Haare kennt, scheint kleinlich zu sein, doch ist ein Haar in der Suppe, ein Haar, das bei der Chemotherapie leise vom Kopf verschwindet, wahrhaftig belanglos? Für den, der es im Mund hat oder dem es auf dem Kopf fehlt, ist es das gewiss nicht.
Für uns Menschen zählt scheinbar nur das Große, wir wollen unsere Pyramiden, Denkmäler, Bücher und Videobotschaften hinterlassen, jemand sein und uns wichtig fühlen. Das aber ist nicht von Dauer, ist auch nicht notwendig, denn wir sind Gott wertvoll, jedes noch so kleine Haar ist ihm wichtig, also auch Dinge, die wir für selbstverständlich erachten oder für unbedeutend. Gott nicht. Er bekennt sich zu uns. Bekennen wir uns auch zu ihm? Wo wäre das möglich?
In einer Gesellschaft, die viele Tabus umgekehrt hat, ist das wirklich nicht einfach. Während es früher schambehaftet war, über seine Sexualität zu reden, spricht man heute darüber im Fernsehen offener als über Fußpilz.
Während Glauben in vergangenen Jahrhunderten ganz selbstverständlich bezeugt wurde, selbst wenn das Entbehrungen oder sogar den Tod bedeuten konnte, versteckt man ihn heute hinter allgemeinsten Floskeln „Ich glaube irgendwie auch an Gott, oder so, ein Stück weit.“
Kein Wunder, das Muslime uns, die Bewohner der Wohlstandsländer, für dekadent halten, wenn halbnackte Frauen für Bratwurst werben, wir aber nicht zu sagen fähig sind, woran wir glauben, was uns Halt und Grund gibt. Das ist schon merkwürdig und suspekt, beileibe nicht nur für den marokkanischen Hirten im Atlasgebirge. Es sollte dies auch uns sein.
Was ich euch in der Finsternis sage, das redet im Licht; und was ihr in das Ohr gesagt bekommt, ruft es von den Dächern.
Wo könnten wir uns zu Gott bekennen? Zum Beispiel, dass wir ganz offen mit trauernden Menschen reden, die sonst gemieden werden, weil wir ach so aufgeklärten Menschen das Thema Tod meiden wie die Pest. „Wie kommst du denn mit dem Tod/ wie kommst du mit dem Alleinsein zurecht? Willst du hören, was mir Kraft gegeben / was mir geholfen hat?“
Oder bei der Betriebsfeier aufstehen und erkennbar rausgehen, wenn ausländerfeindliche Witze erzählt werden, besser noch das Problem offensiv ansprechen und bekennen: „Für mich ist jeder Mensch wertvoll, selbst Du, der Du dich jetzt über andere erhoben hast, als Du diesen Witz erzähltest.“
Merkwürdig ist auch der Vergleich des Menschen mit dem Spatzen. Aber hier gilt das gleiche wie bei den Haaren. Selbst das Kleine, das Unscheinbare ist Gott wertvoll, selbst ein Dreckspatz, der sich in der Pfütze wäscht.
Die Hölle, bei den eingangs genannten Wächtern und Verwaltern derselben, die gegen Geld sogar das Fegefeuer zu mindern vorgaben, das sie selbst entzündeten und am Brennen hielten, ist hingegen für mich der Ort, an dem ein Haar und ein Sperling nichts mehr zählen. Ist der Ort, an dem Menschen austauschbar und entbehrlich sind, reduziert auf ihre Nützlichkeit in den Arbeitsprozessen oder auf Ihr Konsumverhalten – beworben, bespaßt, um ihr Leben betrogen.
Da wird die Hölle schon jetzt erlebbar, in der Abwesenheit von menschlichen Zügen, in der Hochglanz-sterilen Tristesse des uniformierten Lächelns, das gar nicht mich meint sondern Marketingstrategie ist.
Nichts und niemand soll in der Hölle vernichtet werden. Alles ist Gott wichtig, der sich zu uns bekennt.
Wer sich zu ihm bekennt, dem sagt Jesus: Denn jeder, der sich offen vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem himmlischen Vater. Lasst uns also fröhliche Apostel des Glaubens sein. Amen.
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