Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, 18. Sonntag nach Trinitatis, Mk 10, 17-27

Liebe Gemeinde,

„na wie geht’s“ hörte ich unlängst jemanden grüßen und der so Angesprochene erwiderte: „Ach danke der Nachfrage, ich kann gar nicht genug klagen.“ Diese scherzhafte Antwort legt den Finger in eine aktuelle Wunde: wir haben uns einen Jammergrundton angewöhnt, der bei vielen Ausländern oft ein merkwürdiges Zucken um die Mundwinkel hervorruft, denn die kleinen Probleme, über die wir klagen, hätten die meisten von Ihnen gern. Aber es ist nun mal leichter zu seufzen als etwas positiv in Worte zu fassen. Klage geht schneller von den Lippen, sie tropft wie Honig aus den leeren Hallen der freigeräumten Köpfe.

In der Außenwahrnehmung der Welt, sind wir Deutschen ein Volk von Jammerlappen, pflegen die „German angst“. Dabei haben wir Deutschen in den letzten Jahren wenigstens gelernt, auch über uns selbst zu lachen. Das konnten die Deutschen früher nicht so gut, da wurde eher der Stechschritt und preußische Akkuratesse mit uns assoziiert.

Im Großen und Ganzen bekommt aber ein Mensch, egal in Welchem Teil der Zweidrittel-Welt, leuchtende Augen, wenn er das Wort „Deutschland“ hört. Dieser Name hat etwas von Schlaraffenland und von Rundumversorgung, je weiter weg sich die Menschen befinden. Gerade zwei Dekaden ist es her, dass sogar Menschen aus dem Osten Deutschlands skandierten: „Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht geh‘n wir zu ihr.“ Insofern müssten wir eine große Sympathie mit vielen Ausländern haben, die zu uns kommen, die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Je weniger Ausländeranteil ein Ort hat umso größer ist die Furcht vor ihnen.

Hier angekommen, erlischt das Glimmen in den Augen der Fremden schnell wieder. Sie entkamen vielleicht einem Folterregime, dem Mangel an sauberem Wasser oder ausgerottet geglaubten Krankheiten, nehmen dann aber hier wahr, dass es zwar aus ihrer Sicht enormen Reichtum gibt, aber die Menschen ihn hier nicht wahr zu nehmen scheinen oder aber gierig darauf bedacht sind, ihn gegen die zu verteidigen, die nicht zu seiner Entstehung beigetrugen.

Skurril wird die Wahrnehmung dann vollends, wenn oft gerade die am lautesten den Wohlstand verteidigen, die am Wenigsten für dessen Erwirtschaftung beitrugen. Sich viel lieber nach der 6.- 8. Klasse eine Auszeit von ein paar Jahren nahmen, um ihrem Deutschtum zu frönen. Oder die sich mit roten Irokesen-Haaren den Flötenmännern anschlossen, die immer alles versprechen, aber wenn es drauf ankommt, nichts halten und schon manches Land gegen die Wand fuhren.

Da kann ein Fremder schon sprachlos werden und sich fragen: Was ist mit den in seiner Sicht reichen Deutschen los? Was hält die so gefangen in ihrer kleinen und selbst einengenden Welt?

Dass geistige Enge kein Problem allein der Deutschen ist, sei der Vollständigkeit halben erwähnt. Aber wir sollten immer zuerst auf uns und unsere Fehler schauen, bevor wir anderen den Finger in das Auge bohren.

Verglichen mit 2/3 der Welt sind wir reich, da beißt die Maus keinen Faden ab und mancher Slumbewohner sehnte sich nach den Sorgen eines Hartz 4- Empfängers hier, auch wenn das nicht heißt, dass es denen überaus üppig ginge.

Ein reicher Mann kommt zu Jesus. Er ist keiner, der vom Wohlstand der Eltern lebt und die Zinsen kaum durchbringt, die das Vermögen der Eltern „erwirtschaftet“. Er ist ein sehr nachdenklicher, um rechtes Leben in den Geboten Gottes lebender Mann. Ein Mann, den manche Mutter gern als Schwiegersohn hätte, selbstverständlich nicht nur wegen des Geldes…


17Und als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ 18Aber Jesus sprach zu ihm: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 19Du kennst die Gebote: ‚Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter‘.“ 20Er aber sprach zu ihm: „Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf“. 21Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: „Das Eine fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!“ 22Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. 23Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“ 24Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: „Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! 25Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ 26Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: „Wer kann dann selig werden?“ 27Jesus aber sah sie an und sprach: „Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“

In der Theologie wurde schon manches unternommen, um diesen Text zu entschärfen. Da wurde einiges gewagt, um sich seiner Härte nicht aussetzen zu müssen, denn dieser Text ist radikal.

Es tritt uns jemand entgegen, der ist wie wir. Er muss nicht jeden Tag um sein Überleben kämpfen, er hat noch Zeit, über die Fragen des Lebens, des ewigen Lebens, des Sinns in seinem Leben nachzudenken.

Ich möchte zwei Aspekten dieses Textes nachdenken und Sie dazu einladen, diesen Gedanken zu folgen.

Zum einen geht es mir um die Haltung dieses jungen Mannes, der uns so sehr gleicht. Er fällt vor Jesus auf die Knie, er entbietet ihm Anerkennung und Wertschätzung in einer Weise, die Jesus schmeicheln könnte.

Wer hat es nicht gern, wenn er von anderen anerkannt und für wertvoll erachtet wird? Erheischen wir nicht Anerkennung und bedürfen ihrer wie Blumen des Wassers? Aber es geht nicht darum, etwas anzubeten. Es verändert uns nicht, wenn wir einen anderen auf den Sockel heben.

Dem auf dem Sockel gefiele das wohl möglich, wir aber, am Fuße des Sockels, blieben dieselben. Wer etwas an seinem Leben ändern will, weil er sein Leben für leer oder nutzlos hält, weil er an seinem Selbstwert zweifelt, der muss es ganz und gar in die Hand nehmen, bereit sein, es aus der Hand zu geben und es Gott hinhalten.

Deshalb schilt Jesus den jungen Mann und steigt von dem Sockel, auf den dieser ihn stellen wollte. „Gut ist nur Gott allein!“ Jesus spielt damit auf das S‘hema Israel an (Dtn. 6,4 „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“), das Glaubensbekenntnis der Juden. Niemand verdient die völlige Aufmerksamkeit und Wertschätzung – allein der Einzige, allein Gott.

Das zwingt den jungen Mann in die Auseinandersetzung mit Jesus und die führt ihn gleich ans Eingemachte. Jesus erkennt wohl, dass es dieser junge Mann ernst meint. Seine Antwort ist verständig, sein Geist geschult, das ist kein „roter oder brauner Dampfplauderer“, keiner der mehr von sich hält als gut ist. Dieser junge Mann meint es ernst. Deswegen mutet sich Jesus ihm zu.

Als er sieht, dass der junge Mann ein Leben in Gottes Geboten führt, dass er rein äußerlich all das hält, was ein guter Jude zu halten aufgefordert ist, da gewinnt er ihn lieb und fragt das Innerliche des jungen Mannes an.

Er fordert ihn auf: trenne Dich von dem, was dich von Gott und von gelingendem Leben trennt. Trenne dich von Deinem Reichtum. Löse Dich und verschenke es.
Jesu Aufforderung kulminiert in letzter Konsequenz in der Frage: „Woran hängst du Dein Herz?“ Das ist der zweite Gedanke, dem ich nachdenken will, denn es ist eine Frage auch an uns. Woran hängt unser Herz?

Jesus gewann den jungen Mann lieb und bestätigte seine Aussage: Alles, was du tust ist rechtschaffen. Wer von uns könnte das schon von sich sagen? Aber das Eine fehlt Dir.

Nicht „eines unter vielen“, nicht „noch Eines“, sondern „das Eine“. Verschenke das, woran Du Dein Herz hängst, dann bist du frei für Gott und ein erfülltes Leben in meiner Nachfolge.

Und genau das steht dem jungen Mann im Wege. Warum die Annehmlichkeiten des Lebens aufgeben, die ein Nachdenken über den Lebenssinn so angenehm machen?

Ich bitte zu beachten, dass Jesus nicht den Reichtum des jungen Mannes kritisiert, auch wenn u.a. Jesu Frage z.B. ein Grund für die Entstehung von Bettelorden und mönchischen Gemeinschaften war. Sein Reichtum war für Jesus nicht das Problem, sondern dass er sein Herz daran hing, dass er ihn nicht loslassen konnte, als es darauf ankam.

Jesus weist ihn darauf hin, dass ihn der Reichtum vom Gefühl der Erfüllung abhält. Er steht zwischen seinem Wunsch nach erfülltem Leben und seiner zwiespältig erlebten Gegenwart.

Das hat der junge Mann nicht erwartet. Eine Aufforderung, z.B. zehn Prozent seines Besitzes zu sponsern o.ä. wäre er ja vielleicht nachgekommen, aber alles aufgeben was Sicherheit verspricht? Und das muss ja nicht mal nur Besitz sein.

Das können auch andere Dinge sein. Es gibt z.B. Menschen, die ihre Armut so zur Schau stellen, dass sie sie auch von erfülltem Leben trennt. Anderen steht im Weg, dass Sie immer wieder auf ihren Platz und ihre Bedeutung hinweisen müssen, die Ihrer Meinung nach kein Mensch zu sehen scheint. Wieder andere zelebrieren ihre Krankheiten oder ihre Gesundheit. Letzteres ist in unserer Gesellschaft fast eine neue Krankheit geworden. Dabei soll der Sport der Gesundheit und dem Leben dienen und nicht zum Selbstzweck und zum Abgott werden. Manch einer glaubt dem Tode davon joggen zu können, dabei stirbt er eines Tages nur gesund.

Woran hängt unser Herz? Wenn ich sehe, mit wie viel Verbissenheit Menschen bestimmte Dinge verteidigen und dann eines Tages an Ihren Särgen stehe, dann frage ich mich, warum stand Dir das nur im Wege? Wer die Hände immer nur zu füllen sucht, kann dem Nächsten nicht helfend unter die Arme greifen. Wer nur für sich haben oder alles in der Hand behalten will oder muss, der kann keine Hand zur Versöhnung ausstrecken.

Jesus fordert: „Lass los und lasse Dich“. Nur wenn das, was Du hast, weniger zählt als das, was Du bist, wirst Du das Leben gewinnen. Werde der, der Du bist, erkenne, dass Du mein Ebenbild bist (Gen. 1,27) und an mir genug hast. Wenn Du mir gegenüber trittst, dann brauchst du nichts besitzen. Du besitzt Dich nicht einmal selbst, denn Du bist mein Eigen (EG 408,2). Trachte ausschließlich nach mir (Kol 3,2)! Alles andere wird Dir zufallen (Mt 6, 33).

Doch was sind wir? Sind wir das, was andere aus uns machen? Sind wir das, was unser Beruf, unsere Berufung aus uns macht? Sind wir das Amt oder die Stellung, die wir begleiten? Sind wir nur die Summe unserer Krankheiten oder der Gesundheit? Sind wir das, was das Gerede im Dorf von uns sagt? Was sind wir?

„Eins fehlt Dir. Mache Dich von allem frei, lebe so, dass du nichts wirklich nötig hast. Lasse Dich und Du wirst Dich und Du wirst mich finden." Dann werden alle Streitigkeiten, auch alle religiösen Streitigkeiten in ihrer Unsinnigkeit offenbar. Dann brauchst du keine Anerkennung von einem Menschen oder einer Institution, um dich als Teil von mir (I Kor 12, 27) zu verstehen, du bist es, ob er/sie Dich für würdig erachtet oder nicht. Lass dich nicht ablenken, stelle nichts zwischen Dich und mich.

Wir wollen Gott nicht auf einen Sockel stellen und ihn von Ferne anbeten. Er fordert uns auf, Aug in Aug, auf, nichts zwischen ihn und uns zu stellen, nichts wichtiger zu nehmen als IHN.

Hängen wir unser Herz allein an Gott, dann brauchen wir keine scheinbaren Stützen in der Welt, dann haben wir in IHM sicheren Halt. Amen.