Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, 17. Sonntag nach Trinitatis, Habt ihr noch alle Tassen im Schrank? (Kirmesgottesdienst)

Liebe Gemeinde,

„haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“ Wer jetzt etwas verlegen oder entsetzt drein schaut, denkt gewiss an das Sprichwort, das immer dann zur Anwendung kommt, wenn ein Mensch ungewöhnliche und bisweilen abnorme Dinge tut, dann sagen wir: „der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“.

Es gibt auch andere Sprichworte, die der Tasse scheinbar zu wenig Ehre verhelfen: eine „trübe Tasse“ nennen wir einen Menschen, der wenig unterhaltsam, gelegentlich depressiv und sauertöpfisch ist.

Wenn wir mit einem Menschen nicht klar kommen, der Dinge macht, die wir nicht gutheißen oder die wir nicht verstehen, dann hat er „einen Sprung in der Schüssel/ der Tasse“. Da ist er oder sie dann „nicht ganz dicht“ und fertig ist das Vorurteil – „so weit so schlecht.“

So eine Tasse ist doch eigentlich etwas ganz praktisches. Da hat man etwas in der Hand (Tasse hervorholen und sichtbar in die Hand nehmen), das fassen wir an und wissen, diese Tasse gibt es.

Dieses Exemplar hat einen ordentlichen Henkel, an dem man das ganze Gewicht der Tasse gut heben kann, selbst wenn Tee oder Grog in ihr ist. Sie ist belastbar, nichts kann sie leicht erschüttern.

Das ist fast wie im Leben. Es taugt scheinbar nur das, was belastbar, was sichtbar, anzufassen und überprüfbar ist. Alles andere ist Pillepalle, gibt es nicht.

In einer solchen Argumentationsweise können wir Viele hören, die sich über Menschen lustig machen, die an Gott glauben. Gott sieht man nicht, Gott gibt es folglich nicht. Die Astronauten waren schließlich im befliegbaren Himmel und haben Gott nicht gesehen, was soll man also darüber noch viele Gedanken verschwenden?

Da ist so eine Tasse schon was anderes. Die kann man in der Hand halten, da hat man was zum Festhalten.

Stimmt das alles? Wieso gibt es dann Kirche schon über 2.000 Jahre und ist Kirche schon allein baulich so präsent in unseren Orten wie nichts anderes? Ist vielleicht doch etwas dran? Wieso glauben Menschen an Gott, obwohl sie sich oft dem Spott ausgesetzt sehen?

Wenn wir die Errungenschaften unserer Zivilisation ansehen, dann ist der Großteil davon dem Christentum zu verdanken – von den Universitäten über die Krankenhäuser bis hin zum Bier. Was macht den Glauben dann so suspekt oder anders gefragt: wieso sollten Spinner so viel Gutes hervorbringen und eine ganze Zivilisation so nachhaltig prägen?

Wir können hinfassen wo wir wollen, fast überall haben gläubige Menschen mitgewirkt und sich eingebracht. Selbst der Großteil der Wissenschaftler sind bis heute Christen und haben damit keine Probleme. Gerade Physiker, die man für besonders rational hält, sagen oft: ohne Gott wäre die Komplexität dieser Welt überhaupt nicht erklärbar. Wieso dann diese zur Schau gestellte Überheblichkeit mancher Menschen, die glauben Gott nicht nötig zu haben?

In unserer aufgeklärten Welt, wo sich jeder für klug hält, der weiß wie Wikipedia geschrieben wird und wie man einen Stift in der Hand hält, in der jeder mitredet, auch wenn er keine Ahnung hat, ist es schick geworden die zu kritisieren, die einem das Lesen beigebracht haben. Das Alte, Bewährte gilt nicht mehr viel, es zählt nur was neu ist und interessant. Warum denkt niemand in jungen Jahren daran, dass er selbst einmal alt wird und dann auf das Abstellgleis gerät, auf das die Alten mit ihrer Erfahrung heute oft geschoben werden, sozusagen auf den Scherbenhaufen (der Geschichte)?

Kaum einer merkt, dass durch die fortwährende Aneinanderreihung von Höhepunkten und Spaß das Leben immer eintöniger wird, dass es immer kräftigerer Impulse bedarf, um noch irgendwen hinter dem Ofen hervorzulocken.

Wenn schon zum 10. Geburtstag eines Kindes des Nachts ein Feuerwerk entzündet wird, dann werden wir bald keine staunenden Kinderaugen mehr am Silvesterabend sehen.

Wenn die Eisenbahn das ganze Jahr das Kinderzimmer füllt und nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit aufgebaut wird, dann verliert sie ihren Reiz.

Wenn es schon im August Stollen und Lebkuchen gibt und sie auch dann schon gegessen werden, werden wir uns bald fragen, was das alles soll, jeden Tage Lebkuchen ist ja auch öde.

Wenn wir alle Tage gleich machen und den Sonntag aufgeben, dann haben wir bald einen Wochenbrei und keiner merkt, wie ihm die Familie zerbricht, alles grau in grau übergeht, die Leben fördernden und notwendigen Strukturen abhandenkommen.

An einer Tasse können wir uns festhalten, das ist wahr. Wir können sie mit vielen Dingen füllen, aber eine Tasse kann uns keinen dauerhaften Sinn geben. Sie kann unser Überleben sichern, wenn sie in der Wüste voller Wasser ist, doch sie ist tote Materie, unbeseelt wie so viele Dinge in unserer Welt, von denen uns gesagt wird, dass sie Sinn geben: das Eigenheim, der Pool, der Sportwagen, der Golfclub, die Reise u.v.m. Das alles gibt keinen Lebenssinn.

Wie viele Häuser müssen, gerade erst gebaut, wieder verkauft werden, weil sich das Paar trennt!

Wie viele Sportwagen wurden schon zu schicken Särgen für Menschen, die sich, ihr Können und ihre Alkoholverträglichkeit überschätzten!

Was ist eigentlich, wenn diese Tasse zerbricht, an den Realitäten oder den übergroßen Lebensträumen? (Tasse zu Boden fallen lassen).Wird uns Menschen immer erst dann deutlich, dass wir einer irrigen Vorstellung hinterherlaufen, wenn wir sagen, dass nur materielles zählt? Die schöne Tasse ist nun kaputt. Sie taugt zu nichts mehr, so wie angesichts von Leid und Tod das ganze angehäufte Materielle nichts mehr taugt.

Was bringt dem Schüler das Auto, das er  zum Abi geschenkt bekam, wenn er mit ihm gegen die Hauswand fährt und stirbt?

Was nützt das schönste Haus, wenn sich das Paar über dem Bau auseinander lebt und seine Liebe verliert?

Was nützt mir alles Geld der Welt, wenn ich unheilbar erkrankt bin und nichts mir helfen kann und ich sterben werde?

Christen mussten schon immer den Spott und Hohn der Menschen ertragen, die sich für klüger und Gott für entbehrlich hielten und haben den Spöttern dennoch die Hand gehalten, wenn diese im Totenbett stammelten, dass sie nichts aus ihrem Leben gemacht haben.

Christen haben schon immer erlebt, dass das Leben der Menschen in Scherben lag und mit den anderen getrauert, die am Boden waren und zugepackt, wenn Hilfe nötig war.

Christen sind nicht besser, wie es unlängst die TA mit einem Titel unterstellte, aber sie sind besser dran. Der Glaube an Gott schützt sie davor, sich wichtiger zu nehmen als sie sind. Er hilft ihnen die richtige Relation zu finden und die Tasse nicht für das Leben zu halten, sondern das Trinken daraus.

Die Tasse ist wichtig, aber wie wir aus ihr trinken, dass wir andere, die am Verdursten sind, auch aus ihr trinken lassen und nicht nur an uns denken, dass spielt eine viel stärkere Rolle im Leben, das diesen Namen auch wirklich verdient.

Mit den Scherben da unten vor dem Ambo ist uns vor Augen geführt, dass das Materielle nicht alles ist. Gott sehen wir nicht und dennoch können wir auf ihn vertrauen. Es gibt viele Dinge, die wir nicht sehen und dennoch darauf vertrauen, dass es sie gibt: die Luft und die Liebe zum Beispiel.

Niemand käme auf die Idee, die Luft in Frage zu stellen, auch wenn sie nicht zu sehen ist. Eine Sache wird nicht ausschließlich dadurch wirklich, dass wir sie anfassen oder beweisen können. Es kommt auf uns und unsere Einstellung an, das ist das Wesentliche.

Welche Einstellung haben wir zum Glauben, zu Gott? Sind wir offen für etwas, das größer ist als wir oder gleichen wir den beiden Ameisen, die sich darüber streiten, ob es einen Menschen gibt. Die eine hat schon davon gehört, die andere bestreitet es rundweg, denn Sie habe noch nie einen gesehen.

Glaube ist eine Lebenseinstellung, ist Vertrauen. So wie wir hoffentlich der Liebe unseres Partners, unserer Eltern und unserer Kinder vertrauen können, so können wir Gott vertrauen, dann haben wir auch alle Tassen im Schrank. Natürlich kann es vorkommen, dass mal eine der Tassen zerbricht, denn auch Christen haben Zweifel und Ängste. Aber wir wissen auch, dass die Tasse nicht das Eigentliche ist. Sie ist nur ein Mittel, um Leben gelingend zu leben.

Zum Schluss möchte ich der Ehrlichkeit halben noch erwähnen, dass das Sprichwort: „nicht mehr alle Tassen im Schrank haben“ sich eigentlich gar nicht auf Tassen bezieht.

Es ist ein Sprichwort, dass wie viele unserer Sprichwörter auf jüdischem oder christlichem Fundament ruht. Es bezieht sich im jiddischen auf das Wort toshia und das heißt übersetzt „Verstand“.

Glaube und Verstand gehören schon immer zusammen, sie sind nicht voneinander zu trennen. Wer Verstand hat, der ist offen für die Vielfalt des Lebens, der muss nicht wie die Ameise behaupten, dass es den Menschen oder Gott nicht gäbe, der lässt sich die Option des Glaubens offen, denn unser Leben ist bunter als es uns manchmal lieb ist und wenn alles in Scherben liegt, dann ist es gut, wenn wir uns selbst offen halten für Gottes Trost und Liebe.

Das wünsche ich Ihnen und mir an diesem Gedenktag der Kirchenweihe in SB, einem fröhlichen Tag. Doch es wird auch andere Tage geben, da ist es gut, wenn sie alle Tassen im Schrank haben. Amen.