Predigten

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Dr. Bernd Schalbe, 16. Sonntag nach Trinitatis, Thr. 3, 22-26.31f (Einführung als Lektor)

Liebe Gemeinde,
unser heutiger Predigttext steht im dritten Kapitel der Klagelieder Jeremias.
Dieses Kapitel beginnt mit den Worten: „Ich bin der Mann, der Elend sehen muss“. 

Menschen unserer heutigen Zeit können das noch genau so sagen, Menschen, die von Wirbelstürmen und Überschwemmungen aus ihren Häusern verjagt werden oder die von Terror und Verbrechen betroffen sind. Von der Güte und Barmherzigkeit Gottes (Vers 22) ist in solchen Katastrophen nichts zu erkennen genauso wie im Leben mancher Menschen aus unserer unmittelbaren Umgebung.

Die Klagelieder in der Bibel sind entstanden nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 vor Christus. Das Volk Gottes hatte aufgehört als Staat zu existieren, auch der letzte Rest, das letzte Aufgebot, die letzte Hoffnung waren gescheitert. Aus der Sicht realistischer Menschen war alles verloren. Das Volk hatte keine Zukunft und seine Religion auch nicht. Die Oberschicht war weggeführt ins Exil, die einfache Bevölkerung sollte das Land bearbeiten und Abgaben leisten und sich allmählich an die neuen Verhältnisse und die neue Religion anpassen. In diese Situation hinein singt jemand ein Klagelied:


22 Die Güte des HERRN ist's, das wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.


Liebe Gemeinde,
eigentlich ist dieses Klagelied ein Lobgesang: Die Seele jubelt ein Morgenlied. Mitten hinein in die Klage des Volkes Israel über die Zerstörung Jerusalems im Jahr 587.

Wir sind nicht gar aus: ein Licht glimmt noch. Es scheint so etwas wie ein Licht am Ende eines langen Tunnels. Ich sehe etwas, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihm trauen darf. Ich muss Mühen auf mich nehmen und riskieren und losgehen, um zu sehen, was aus diesem schwachen Lichtschein wird.

Gott sei Dank, ich kann wieder aufrecht gehen, sagen Menschen, wenn sie sich nach einer Phase von Niederlagen und Demütigungen wieder ein wenig erstarkt fühlen. Gott sei Dank, sagt auch der Beter der Klagelieder, obwohl er weiter Demütigungen und Niederlagen aushalten muss. Er lebt wohl im Exil. Er kann lesen und dichten, gehört also zur Oberschicht, die weggeführt wurde und mit dem Spott der Sieger leben muss.

Aber gerade in dieser Situation wird ihm die Zuwendung Gottes bewusst. Und das ist die eigentliche Sensation in unserem Text. Ein Volk hat verloren – das hieß zu jener Zeit konsequenter weise, ein Gott hat verloren. Entweder war der Glaube nichts Wert oder der dahinter stehende Gott. Für die jüdische Gemeinde sowohl im Exil, als auch für die daheim gebliebene Bevölkerungsschicht war das anders. Im Glauben lernte man sich dem Gefühl eigener Schuld zu stellen. Und das hat die Religionsgeschichte auf den Kopf gestellt.

Religion des Judentums war nicht eine Religion der Stärke, sondern ein Glaube, der sich der eigenen Schuld stellen konnte und der die Zuwendung Gottes gerade auch dort erkannte, wo sie völlig verborgen blieb. Das hat geholfen - bis hin nach Auschwitz.

Das kann mir auch heute noch helfen, wenn ich die Texte im Alten Testament  lese. Dann lese ich in den großen Geschichten der Mütter und Väter, der Könige und Propheten viel von dem Schuldbekenntnis eines Volkes. Da lese ich viele Geschichten, in denen von Sünde und Schuld die Rede ist.

Christlicher Glaube aber kann in diesen Geschichten ein Vorbild entdecken, kann erkennen, dass Leben nur dort funktioniert, wo Menschen ihre Schuld bekennen. Wo ich meine Schuld bekenne und Anderen ihre Schuld vergebe.

Das ist nicht immer einfach. Es ist nicht einfach, meine Schuld zu bekennen. Es ist nicht einfach einem Gott zu vertrauen, den ich nicht sehen kann und dessen Gegenwart mir manchmal so verborgen ist. Das Leben insgesamt ist oft schwer auszuhalten. Die Ungerechtigkeit des Alltags ist schwer zu ertragen. Vielleicht kann es uns trösten,  dass da einer, der das alles auch erlebt, seine Klage voller Engagement vor Gott bringt und dann aber auch zu einem Gotteslob kommt, das so ungeheuer stark und empfindungsreich ist. Er sieht das Elend, er sieht sein Elend und das Elend seiner Mitmenschen, ja seines ganzen Volkes und legt alles zusammen in Gottes Hände. Und bekennt: Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu und seine Güte endet nie. Sie hört nicht auf, sie will einfach nicht aufhören.  Gottes Freundlichkeit, seine Zuwendung zu den Menschen ist einfach nicht totzukriegen, wie wir ja als Christen wissen, die wir nach dem Auferstandenen benannt sind.

Gottes Güte reicht, so weit der Himmel ist, das Universum, der Kosmos. Bis an die Enden der Zeit und darüber hinaus. Wie sollte es auch anders sein. Wäre sie begrenzt, wäre Gott selbst begrenzt. Ein Gott aber, dem irgendwann das Licht oder die Luft ausgeht, ist kein Gott.

Gottes Freundlichkeit ist ewig. Was sollte sie als göttliche Kraft auch sonst sein. Begrenzt? An Bedingungen gebunden? Auf Gegenleistungen angewiesen? Sollte sie einen Preis haben, den man zahlen müsste – wer könnte denn seine Höhe ermessen? Wer wäre in der Lage, Gott das Wasser zu reichen?

Der Höchste verschenkt sich. Unaufhörlich strömt seine Lebendigkeit in alles Tote. Holt uns zurück aus den dunklen Sackgassen. Hilft uns wieder auf die Beine nach den kleinen und großen Katastrophen. Spricht uns das gute Wort zu, das wir uns nicht selber sagen können. Weist uns unseren Platz an – für die kurze und schöne Lebenszeit, die er uns zumisst.

Die Güte und Menschenfreundlichkeit des Herrn hat kein Ende. Er schenkt ohne Grund. Er schafft das Neue so neu, dass das Alte darin vorkommen darf. Er rettet. Er befreit. Er macht uns guten Mut – gegen alle Schwermut.

Steve Jobs, der Gründer der Computerfirma Apple, der in der vergangenen Woche an Krebs gestorben ist,  ist für allerlei interessante Entwicklungen berühmt geworden. Der Apple 2, die diversen Mac-Varianten, den iPod, das iPhone und zuletzt das iPad. Bemerkenswert ist aber auch ein Vortrag, den er im Jahr 2005 vor Studenten der Stanford-Universität gehalten hat. Ich zitiere: „Mich daran zu erinnern, das ich bald tot sein werde, ist das beste Mittel, das ich jemals entdeckt habe, um die großen Entscheidungen in meinem Leben zu treffen. Weil fast alles – alle Erwartungen anderer, jeder Stolz, jede Angst vor Scham oder Scheitern – nichtig wird angesichts des Todes. Dann bleibt nur das wirklich wichtige. Sich daran zu erinnern, dass man stirbt, ist der beste Weg, den ich kenne, die Falle zu meiden, zu denken, dass man etwas zu verlieren hätte. Man ist schon nackt. Es gibt keinen Grund, nicht seinem Herzen zu folgen.“

Liebe Gemeinde, man ist schon nackt. Es gibt keinen Grund, nicht seinem Herzen zu folgen. So kann man das Leben auch sehen, wenn nicht der Tod der Antreiber für ein selbstbestimmtes und wagemutiges Leben ist, sondern das Leben – genauer: der lebenschaffende Gott selbst. Die Kraft, die auch noch den Tod umfängt. Im Angesicht der ewigen Güte Gottes sind wir nackt, Bettler, haben nichts und wieder nichts zu verlieren.


Steve Jobs hält den Tod für die beste Erfindung des Lebens. Das finde ich beachtlich.

Wer den gütigen Gott Morgen für Morgen gelten lässt, ist ebenfalls nackt. Der hat ebenso nichts zu verlieren, da er ja alles geschenkt bekommt. Wie wäre es, liebe Christenmenschen, wenn wir damit so ernst machen könnten, dass bei uns, die wir an das ewige Leben glauben, derselbe Effekt eintritt, für den der verstorbene Apple-Erfinder den Tod rühmt: „Es gibt keinen Grund, nicht seinem Herzen zu folgen!“

Freilich ist das immer ein Wagnis. Ein Warten. Aber um nichts anderes geht es ja, wenn wir als Gläubige beisammen sind: Glauben, dass sich das Warten lohnt. Weil Einer da ist, der gar nicht anders kann und nicht anders will, als sich um uns zu kümmern.

Den Tod und seine Vorboten angehen im Glauben. Die Hände und den Mut nicht sinken lassen. Die Hoffnung hochhalten, dass es noch einmal anders werden kann. In meinem Leben und mit der ganzen Welt. Denn am Ende hat die Güte Gottes immer noch kein Ende.

Amen