
Pfarrer Kristóf Bálint, Erntedankfest, Jes 58, 7-12
Liebe Gemeinde,
wenn ich unseren schön geschmückten Altarraum betrachte, dann werde ich ganz froh gestimmt: Essen und Trinken in Hülle und Fülle. Wir können wirklich dankbar sein. Wir sind gut versorgt und wir können sogar noch abgeben.
Mir klingt ein Lied in den Ohren „Uns geht’s gut, wir haben keine Sorgen“ (ansummen). Und schon während ich es ein wenig ansumme, werde ich ganz still, denn ich weiß, dass das so nicht stimmt. Wohl haben die meisten in unserem Land genug zu essen, wohl haben viele von uns sogar mit Übergewicht zu kämpfen, aber dass wir keine Sorgen hätten, das kann ich wohl nicht wirklich singen und ich werde leise.
Erntedank ist ein Fest, dessen Wortbedeutung vom Danken geprägt wird. Die wenigsten wissen, dass das Wort Danken in unserer deutschen Sprache von Denken abgeleitet wird. Es meint, sich jemandes zu erinnern, seiner zu gedenken. Wer dankt, der bewahrt den, dem er dankt, in freudigem Gedächtnis.
Im Hebräischen bedeutet das hebräische Wort „Hodoth” danken im Sinne von: sich zu dem zu bekennen, dem ich danke. Ich bekenne mich zu dir Gott, weil du der Urgrund bist. Und damit hat es mehr Bedeutung als unser deutsches Wort Danken. Während wir oft Danke mit dem Mund sagen und u.U. sogar etwas anderes meinen, meint das jüdische Wort: mit Körper, Verstand und Seele danken, was einer Lebenshaltung entspricht. Da bleibt für Lippenbekenntnisse allein kein Platz!
Freilich haben die Bauern früherer Zeiten all dies mitgemeint, wenn sie ihre Gaben in die Kirche brachten, denn sie wussten, dass sie wohl den Samen auf das Land streuen konnten, dass aber Wachstum und Gedeihen nicht in ihrer Hand lag (EG 508). Sie wussten sich mit ihrer ganzen Existenz Gott gegenüber zu Dank verpflichtet.
Ihr Leben hing von Wachsen und Gedeihen ab. War eine Ernte nicht gut, dann hungerten Sie, denn sie konnten nicht ein paar tausend Tonnen Weizen aus Argentinien einfliegen. Sie hatten nur, was sie selbst anbauten und das was gedieh. Die Chroniken der letzten Jahrhunderte geben in Hungerjahren ein bewegendes Zeugnis von den Nöten ab, die da herrschten.
Das hat sie dankbar gemacht, eine Dankbarkeit, die uns heutigen Menschen abgeht, weil wir nicht mehr wissen, was Hunger ist und weil wir nicht mehr wissen, wie schwer es ist, Samen zu streuen, Pflanzen zu hegen, zu hacken, zu dreschen, zu mahlen und sein Brot selbst zu backen.
Und obwohl diese Menschen viel näher an der Krume und der Last des Broterwerbs dran waren, war ihnen offensichtlich etwas verloren gegangen, das zu Lebenshaltung des Dankens dazu gehört. Der für heute vorgegebene Predigttext beschäftigt sich mit der Kritik Gottes durch den Propheten Jesaja an seinem Volk. Im 58. Kapitel heißt es dort:
7Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne“. Worte der Heiligen Schrift.
Mitten in unsere Wirklichkeit hinein, in der wir uns festlich und fröhlich für die Gaben bedanken wollen, bricht ein Text, der nicht aktueller sein könnte. Ein Text, der uns klar anspricht und herausfordert – ein Text mitten in unser Leben, als sagte es Jesaja uns selbst. Brich mit dem Hungrigen dein Brot, gewähre Obdach dem, der keines hat, kleide den Nackten, rede nicht übel, zeige nicht mit Fingern auf andere sondern sieh dich an.
Jesaja sagt seinem Volk die Wahrheit auf den Kopf zu. Mitten hinein in die Feststimmung, ohne Rücksicht auf die Feierlichkeiten. Er deckt Missstände auf, belässt es aber nicht dabei. Gottes Antwort auf die Missstände bleibt nicht aus. Seine Aufforderung wollen wir nun einmal in Töne fassen: Brich mit dem Hungrigen… (EG 420,1-5)
„Wenn du all das tust, nicht bei Dir bleibst, sondern auch den Nächsten nicht aus dem Blick lässt, dann wird Dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, du wirst heil an Seele und Leib, es wird bekannt, dass du mit Dir und Gott im Reinen bist und ich werde mit Dir sein“ spricht Gott.
„Dann werden deine Fragen und Zweifel nicht unbeantwortet bleiben, dann wirst du spüren, dass ich Dir nahe bin. Lass Dein Herz finden, dann wird Dein Dunkel hell wie der Mittag, dann wird Licht in deinen Finsternissen aufgehen. Du wirst wie die gute Schöpfung, wie ein gut bewässerter Garten sein, wie eine lebendige sprudelnde Quelle“.
Eine schönere Zusage, auch nach diesen deutlichen Worten, kann ich mir nicht vorstellen. Wie Licht unser Leben hell zu machen imstande ist, wollen wir nun gemeinsam singen, mit einem Lied, das von Cat Stevens bekannt gemacht wurde und in unsrem Gesangbuch Eingang gefunden hat: Morgenlicht leuchtet (EG 455, 1-3)
Jesaja spricht seinem Volk und uns heute hier zu: Danke nicht für Dich allein, Danke wohl für die Gaben, aber lass Dein Herz auch die finden, denen es nicht so gut geht. Rein äußerlich vollziehen wir das gemeinsam, indem wir unsere Gaben anderen zur Verfügung stellen. Das ist gut und wichtig und richtig.
Mehr noch aber kommt es mir auf etwas an, dass wir viel seltener, viel weniger freimütig und oft nur ungern teilen und verschenken: unsere Zuneigung. Wie oft erlebe ich mit Traurigkeit, dass viel lieber übereinander gesprochen wird, als miteinander, dass es viel leichter scheint auf andere zu zeigen, als ihnen die Hand zu reichen. Wie viele Menschen nehmen sich selbst Lebensqualität weg, in dem sie verbittert schweigen, mit bestimmten Leuten nicht mehr reden und nicht einmal merken, dass sie sich selbst das Leben beschneiden und mindern.
Heute ist Erntedank, ein Dank, der nicht nur unsere Lippen bewegen soll, sondern unser Handeln und unser Menschsein ganz erfassen will. Er gilt für die Gaben, die wir hier vorne aufgebaut haben und er meint auch unser Leben. Wenn von uns heute ein Zeichen von Dankbarkeit ausginge, dann wäre damit das schönste Fest des Dankes gefeiert.
Ich möchte dies nicht nur mit Worten versuchen, sondern ich möchte, dass wir uns heute einander zuwenden. Zum einen den Nachbarn die um uns sitzen oder stehen oder heute ganz bewusst einem Menschen, mit dem wir schon lange nicht mehr geredet haben, dem wir aus irgendeiner Sache heraus gram sind.
Heute ist die Stunde, da wir uns einander unser Herz finden lassen können. Das wäre das schönste Erntedank, das wir uns vorstellen können.
Sie werden spüren, wer sich darauf einlässt, den wird es verändern und anrühren. Gott wird uns anrühren – er ist uns nah. Amen.
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