
Pfarrer Kristóf Bálint, 14. Sonntag nach Trinitatis, Mk 1, 40-45
Liebe Gemeinde,
wenn wir unseren heutigen Predigttext hören, dann sollten wir uns vor Augen halten, dass ein Aussätziger in der Gesellschaft dieser Zeit wie einer behandelt wurde, der lebendig tot ist (Talmud: „Vier Menschen sind tot bei lebendigem Leibe: Der Arme, der Blinde, der Aussätzige und der Kinderlose“). Aussätzige waren Menschen mit Schuppenflechte, Neurodermitis oder Lepra u.a. ansteckenden Krankheiten, gegen die kein Kraut der Zeit gewachsen war und die man aus Angst vor Ansteckung aus dem Dorf trieb – selbst wenn es die eigene Mutter war.
Diese Menschen durften nicht in die Dörfer kommen, sich niemandem nahen, mussten schon weithin auf sich aufmerksam machen, damit ihnen niemand begegnete. Sie waren sich selbst überlassen, lebten in Kommunenähnlichen Überlebensgemeinschaften und vegetierten oft mehr als das sie lebten.
Wenn Sie Glück hatten, dann brachten Angehörige einen Korb mit Essen in die Nähe der Erd- oder Felsbehausung in der die Kranken lebten, riefen Ihren Namen und machten sich gleich aus dem Staub. Anstecken wollten sich selbst die Mutigsten nicht, denn sie wussten, dann säßen Sie bald auch im „Jammertal“.
Gelegentlich erwies sich die Krankheit als zeitlich begrenzt, zuweilen gab es ein Wunder. Wenn der Gesundete sich inzwischen nicht mit der Lepra eines anderen Kranken angesteckt hatte, musste er sich dem Priester zeigen, ein Opfer wurde gebracht, der Geheilte musste Reinigungsbäder nehmen (siehe Lev 14) und wurde dann, nach einer Wartezeit, wieder rituell in den gesellschaftlichen Bereich der Lebenden und auch wieder in die kultische Gemeinschaft aufgenommen, für die er ebenso als unrein galt und die er deshalb nicht aufsuchen durfte.
Wer lebend tot war, musste erst wieder für lebendig erklärt werden. Hinzu kam erschwerend, dass man den Genesenen gegenüber gesellschaftlich noch einige Zeit etwas Vorbehalte hatte, denn vielleicht war es ja nicht so wie es schien und die Krankheit versteckte sich nur.
Es gab viel Aberglaube und noch im Mittelalter war diese Einstellung auch in unserer Region weit verbreitet und wurde mit Hexen u.a. erklärt, die dann gesucht und oft leider in Außenseitern oder gesellschaftlichen Rivalen gefunden und verfolgt wurden.
Unser Predigttext beginnt mit etwas, was es eigentlich nicht geben durfte, denn ein Aussätziger nahte sich Jesus. Er hätte fern vom Dorf stehen bleiben müssen. Doch stattdessen geht er mitten in das ihm verschlossen Leben hinein, aus dem er, um den Erhalt der Gemeinschaft willen, ausgeschlossen worden war. Er erhofft sich eine Änderung seiner Situation, er wollte nicht lebendig tot sein. .
40Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. 41Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! 42Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. 43Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich 44und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. 45Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so dass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.
Diese Erzählung hat eine Erzählebene, die sofort einleuchtet und die uns u.U. vertraut ist und lauter kleine Unterebenen, derer wir erst gewahr werden, wenn wir diesen Text aufmerksam lesen und „schmecken“.
Die Erzählebene
Wer kennt sie nicht, die Situation, dass Menschen über Dinge reden, die sie bewegen – manchmal mehr als gut ist. Jesus beschwört den Gesundeten, nichts in der Öffentlichkeit zu sagen. Dieses wiederkehrende und Messiasgeheimnis genannte Markusmotiv kehrt immer wieder. Es nimmt auf, was wir von uns kennen. „Wes unser Herz voll ist, des geht der Mund über“.
Während sich Jesus und der Aussätzige in Ihrem Willen eins sind, dass Reinigung geschehen soll, die ihm wieder die Teilhabe an der gesellschaftlichen und kultischen Gemeinschaft ermöglicht, gehen die Wege Jesu und des Geheilten nach dem Wunder auseinander.
Die Reinigung
Die Lutherbibel ist bei der Überschrift „Die Heilung des Aussätzigen“ über unserem Predigttext insofern ungenau, als im griechischen Urtext nicht „heilen“ (therapeuo), sondern „reinigen“ (katharizomai) steht. Dieser feine und scheinbar zu vernachlässigende Unterschied ist jedoch wichtig, denn primär wird ein Aussätziger unrein für den Kult und erst dadurch nicht mehr gemeinschaftsfähig im gesellschaftlichen Sinne. Die Unreinheit führt zur A-Sozialität, der Betroffene fällt aus allen gesellschaftlichen und religiösen Zusammenhängen des Volkes. Radikaler kann man sich sein Außenseitersein gar nicht vorstellen.
Das Gehen
In unserem Predigttext wird im griechischen mit dem Wort „gehen“ gespielt: der Aussätzige geht zu Jesus (40), eigenmächtig und ohne sich an irgendeine gesellschaftliche Regel zu halten und gefährdet damit die Gemeinschaft, zu der er wieder gehören möchte. Er setzt damit alles auf das Spiel: sein Leben, die Gesundheit der anderen, die gesellschaftlichen Regeln der Zeit.
Die Krankheit geht weg, durch eine Berührung des Aussätzigen durch Jesus, die ihn selbst kultisch auch unrein macht und gesundheitlich in Gefahr bringt. Doch Heilung geschieht - durch Jesu Wort (42).
Jesus fordert den Gereinigten auf: Geh und zeig dich den Priestern (44). Er fordert ihn damit auf, die Tora einzuhalten und sich in die Gemeinschaft zu begeben, zu der er unbedingt gehören wollte und die er wissentlich in Gefahr gebracht hatte.
Der Gereinigte aber geht nicht den vorgeschriebenen Weg (45) zum Priester um Wiederaufnahme in die Gemeinschaft zu erlangen, sondern er geht hinaus an Jesu statt und verkündigt seine Gesundung gegen Jesu erklärten Willen.
Mit seinem Ungehorsam wiederum treibt er Jesus aus der Mitte der Gemeinschaft, denn er kann nun nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen. Er gerät durch das Handeln des Gereinigten vielmehr selbst aus der Gemeinschaft, hinaus in die Wüste. Dort freilich kommen die Sehnsüchtigen hin, sozusagen ex-zentrisch, sein Wirken ereignet sich nun außerhalb der Gemeinschaft.
Jesu Handeln bewirkt Veränderung, nicht nur beim vormals Aussätzigen, sondern sein Handeln wirkt auf ihn zurück. Durch seine Zuwendung zum Aussätzigen wird er selbst zum Außenstehenden. Er übernimmt die Rolle des Außenseiters, die Rolle des Gereinigten. Doch dieser bleibt durch sein Weggehen weiterhin Außenseiter, denn er geht nicht den vorgeschriebenen Weg der Tora, sondern bleibt durch sein Handeln das was er war: ein außerhalb der Gemeinschaft Stehender.
Übereinstimmung und Trennung
Von der Übereinstimmung des Willens von Aussätzigem und Jesus sprach ich schon. Doch kaum ist der Aussätzige rein, wendet er sich vom Willen Jesu ab. Dieser gebietet ihm stille zu sein und sich an die Regeln des Gesetzes zu halten. Jesus will ihm damit die Möglichkeit eröffnen, wieder zur Gemeinschaft zu gehören, die er so sehr ersehnte.
Doch während Jesus der Krankheit gebieten konnte, so kann er es dem Menschen nicht. Nach seiner Heilung verweigert er Jesus den Gehorsam und geht seinen eigenen Weg, setzt sich mit seiner Verkündigung sogar an Jesu Statt. Jesu heilende Taten sind begehrt, seine Worte sind es nicht (so sehr).
Kennen wir das nicht auch von uns? Wenn doch ein Wunder geschähe, dann könnten wir glauben. Doch ein Wort? Wir machen so viele Worte. Was solls?
Zum Wunder Jesu gehört das Hören auf das Wort. Zum Wort wiederum gehört die Tat, die in die Gemeinschaft führt. Zur Gemeinschaft wiederum gehört der Gehorsam, der Wunder, Wort und Tat zusammen sehen und begreifen lernt. Jesus verweist auf diesen Zusammenhang und fordert den Gereinigten auf, ihn zu gehen. Doch er zwingt ihn nicht dazu, er lässt ihm seinen Willen.
Wer Wunder erwartet muss Gott zutrauen, dass er ein Wunder geschehen lässt. Der ist bereit, sich berühren zu lassen. Wer berührt wurde, macht sich auf den Weg. Wer sich auf den Weg macht, muss sich im Klaren sein, wohin er führen soll und wozu dieser Weg dient: dem Dank für die erfahrene Zuwendung oder der Selbstdarstellung.
Wunder gibt es (n)immer wieder
In den letzten Tagen haben viele Menschen ein Wunder erwartet. Eine kirchliche Gemeinschaft sollte als Kirche anerkannt, Luthers Exkommunikation aufgehoben werden und ein ökumenisches Wunder geschehen – was immer man sich darunter vorstellt. Die Hoffnungen der Menschen spiegeln sich in alledem wider und sind verständlich.
Doch aus dem Selbstverständnis der Katholischen Kirche heraus waren diese Wünsche nicht erfüllbar. Deren Sorge ist, dass sie sich selbst mit solchen Zeichenhandlungen als alleinig auf Petrus gründend vorgestellte Kirche infrage stellt. Insofern bin ich dankbar für den Hinweis von Benedikt XVI., dass wir das Gemeinsame betonen und nicht auf das Trennende schauen sollten und das es nicht um Kompromisse geht. Darum kann und darf es nicht gehen. Da hat er Recht.
Wir haben in den letzten 500 Jahren erlebt, dass ein Großteil der berechtigten Forderungen Luthers inzwischen als Selbstverständlichkeit in der Katholischen Kirche Einzug gehalten haben (Deutsche Sprache im Gottesdienst, Abendmahl in beiderlei Gestalt…).
Da Christus das Haupt der Kirche ist (Kol 1,18), ist es unstrittig, dass kein Glied einem anderen sagen kann, dass es nicht gleichberechtigter Teil des Körpers ist. Es steht ihm einfach nicht zu.
Wenn der Papst als „Seine Heiligkeit“ angesprochen wird, so kann ich das nur im Kontext des Glaubensbekenntnisses hören, wo wir allsonntäglich beten: „Gemeinschaft der Heiligen“. Dieser Titel gehört also streng genommen jedem, der sich zu Gott bekennt, auch wenn wir uns dessen selten erinnern.
Wenn der römische Bischof als Vicarius Christi angesprochen wird, dann schwingt neben der Übersetzung „Stellvertreter“ mit, dass dieses Wort auch „Sklave“ oder „Diener“ heißen kann. Diese Übersetzungsweise ist es sicher auch in Benedikts Sinne, der Christus ja dient wie wir alle, als Brüder und Schwestern im Glauben.
Wer in der Augustinerkirche genau hingeschaut hat, der hat die feine Art des Brückenschlages schon wahrgenommen: Benedikt und Präses Schneider zogen auf einer Höhe in die Kirche ein und aus.
Haben wir Geduld mit den Brüdern im Herrn, wir brauchen keine Anerkennung als Kirche - wenn wir wie Kirche Jesu Christi denken, reden und tun, sind wir von unserem Haupt, Christus, bereits anerkannt. Es geht nicht um uns, sondern um die lebendige Bezeugung der Liebe Gottes.
Darum, trauen wir Gott alles zu, auch die Reinigung unserer Herzen, das Wunder erwartet und sich an dem Wort orientiert und lassen wir uns vor Augen halten, was Paul Gerhardt in viel schlimmeren Zeiten als den unseren dichtete: „Wenn unser Herze seufzt und schreit, wirst du gar leicht erweicht und gibst uns, was uns hoch erfreut, und dir zur Ehr gereicht.“ (EG 324,10) Amen.
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