
Pfarrer Kristóf Bálint, 12. Sonntag nach Trinitatis, Jes 29, 17-24
Liebe Gemeinde,
es gibt so Vieles in unserer Welt, das wir nicht verstehen. Viele Menschen treibt beispielsweise die Frage um, warum in diesen Monaten in arabischen Ländern so viele Menschen sterben müssen, um das zu erlangen, was sie und wir Freiheit nennen?
So wie es uns bis heute umtreibt, warum vor zehn Jahren rund 3.000 Menschen sterben mussten, als in den USA vier Flugzeuge mit ihren Insassen als lebende Bomben auf öffentliche Gebäude benutzt wurden oder werden sollten.
Vordergründig ist klar, dass Despoten ihre Macht sichern wollen, und deshalb die Deutungshoheit über die Wirklichkeit beanspruchen und diese mit aller Ihnen zustehenden Macht vehement verteidigen.
Das kennen wir Deutsche nach zwei Diktaturen sehr genau, auch wenn mancher sich gern selbst Sand in die Augen streut und von der „guten alten Zeit“ spricht, weil er einen kleinen Ausschnitt für das Ganze hält (pars pro toto) und damit in der Gefahr steht, sich selbst zu belügen.
In diesem Zusammenhang erwächst uns die Frage, warum so viele Opfer nötig sind und es das Gute so schwer hat in der Welt und dem Machthungrigen so viel Freiheit zum Tun des Bösen obliegt.
Wir könnten überdies fragen, warum einzelne soviel leiden und sie mit ihrem Leben für etwas einstehen müssen? Da sei an Dietrich Bonhoeffer und Werner Sylten erinnert. Desgleichen an so viele Kinder, deren vollständige Namen zu ihrem Schutz unbekannt bleiben und die so viel Pein erleiden müssen.
Bei vielen dieser, zu medialen Großereignissen öffentlicher Empörung hochstilisierten, entsetzlichen Begebenheiten, fehlt denn auch das Warum-Schild nicht, das diese Drangsale bewusst oder unbewusst in die Nähe des Wortes Jesu am Kreuz stellt, als dieser, Ps. 22,2 zitierend, spricht: „Eli, eli, lama asabtani?“ „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
So begreiflich diese Frage ist, so alt ist sie. Während alte Generationen sie für sich je und je mit einem strafenden Walten Gottes für diese und jene Verfehlung beantworteten, so muss diese Erklärung, in einer sich von Gottes Walten frei dünkenden Gesellschaft, anders ausfallen, auch wenn wir sie dann und wann als Anfrage an Christen und Juden hören können: „Wo ist nun Dein Gott?“ „Warum lässt er all das zu?“
In dem, unserem Predigttext vorauslaufenden und inhaltlich zu ihm gehörenden Text, spricht Gott ein Urteil und verheißt eine Fülle von Angst einflößenden Geschehnissen, in ihrer Dramatik den eingangs der Predigt geschilderten gleich: Feinde und Tyrannen, zahlreich wie der Staub, werden kommen (5), Heimsuchungen von Erdbeben, Wirbelstürmen und verzehrenden Feuern (6), Hunger und Durst werden nicht gestillt (8), das Volk verblendet und trunken (9). Gott selbst vernebelt den klaren Blick des Volkes, seine Worte können nicht verstanden werden, denn Sie verehren ihn nur mit dem Munde und ihr Handeln widerspricht ihren verehrenden Worten.
Gott kündigt diesen seltsamen Umgang mit seinem Volk an und das Volk versteht dies als eine Strafe als Folge auf sein Handeln.
Auf diesen Text folgt nun unser heutiger Predigttext Jes 29, 17-24, der vorgegebene Text für den 12. Sonntags nach Trinitatis:
17Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. 22Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. Worte der Heiligen Schrift
Das ist zu schön um wahr zu sein! Gerade noch Schreckensvisionen und nun die Zusage von Heil.
Dass dieser Text mit den vorangehenden Versen in Verbindung steht, wird durch inhaltliche und bildliche Verschränkungen deutlich, die ich kurz benennen will.
Die unverständlichen Worte Gottes (11) werden gehört (18). Gott sorgt dafür, dass Menschen sehen und doch nichts sehen (9) und nun sehen sogar die Blinden (18). Einsicht und Lehre werden negiert (13f) doch nun lernen Irrende und Meckernde (24). Plötzlich und unerwartet geschieht dies alles durch Gott (17), wie auch das Gericht plötzlich gekommen ist (5).
Natürlich können wir sorgsam und so wie wir es an der Universität lernten, die Schichten der Entstehung dieses Textes so frei legen, dass deutlich wird, dass an diesem Text redaktionell gearbeitet wurde und eine Entwicklung an ihm zu verdeutlichen ist. Dies ist eine wissenschaftlich dienliche und mit Erkenntnisgewinn belohnte Arbeit.
Doch hülfe uns dies für unser Leben, die wir diesen Text lesen und hören und uns fragen, was er uns heute hier zu sagen hat? Sollen uns die biblische Texte nicht unmittelbar angehen und uns zum Nachdenken über unser Leben bringen? Wirkt Gottes Wort nicht auch mitten unter uns, egal ob wir es in uns fallen lassen oder uns ihm verschließen?
Unser Leben ist ein Leben in der Spannung, die unser Predigttext beschreibt. Wir kennen die Höhen und Tiefen, die Siege und die Niederlagen. Wir kennen die Taubheiten und Blindheiten für die Wahrheit und die Sehnsucht nach den leichten Wegen. Wir kennen das Gefühl, für das Wesentliche blind zu sein und die Erfahrung vom richtigen Weg abzukommen. Wir kennen die Erfahrung von mächtigen äußeren und inneren Herrschern unterjocht zu werden und die Sehnsucht nach gelingendem Leben.
Dieser Text ist uns nah und mit ihm auch Jesaja und die Menschen, zu denen er zu sprechen durch Gott gesandt ist.
Jesajas schwere Aufgabe ist es, seinem Volk und uns zu sagen: Achtet darauf, dass euer Reden und Tun deckungsgleich sind! Seht und hört was ich euch zu sagen habe! Ihr seid der Ton und ich, Gott, der Schöpfer (16). Verleugnet mich nicht und nicht euer Geschöpf sein. Seid das was ihr seid – Geschöpfe in Beziehung zu mir.
Das setzt euch in die rechte Relation. Das ist nicht nur Beschränkung sondern auch Entlastung von selbstgewählter Hybris und erlittener Überforderung.
Jesaja setzt uns ins rechte Verhältnis, ins Verhältnis zu Gott. Damit werden die Dunkelheiten lichter, die Blindheiten gewandelt in Einsicht. Selbst die Murrenden lassen sich belehren. Wir könnten meinen, dass Jesaja uns Deutsche hier besonders im Blick hatte.
Unser Predigttext steht in gedanklicher Verbindung zu einem Text, den wir vor sechs Sonntagen zu bedenken hatten, aus dem 7. Kapitel des 5. Buch Moses. In ihm wird die Frage aufgeworfen, worin die Erwählung des Volkes Israel besteht und ich habe zu verdeutlichen gesucht, dass die Erwählung nicht aus einem Mehrwert besteht, demzufolge Israel besser als alle anderen Völker sei, sondern aus einem höheren Anspruch Gottes an sein erwähltes Volk.
Der Anspruch des Ewigen bezieht sich auf die Einhaltung der Gebote in Denken, Reden und Tun. Bei Jesaja wird deutlich, dass die Kehrseite der Erwählung darin besteht, dass Gott sein Volk an der Einhaltung seines Wortes misst und entsprechend urteilt und reagiert.
Die unserem Predigttext vorangehende Passage offenbart Gottes Reaktion als Zeichen seiner Enttäuschung über die Abkehr seines Volkes von Gottes Weg. In unserem Predigttext wiederum wird deutlich, dass Gott sich seinem Volk nunmehr zuwendet und sich seiner erbarmt. So wie das Volk die Beschwernisse seiner Zeit als Antwort Gottes auf sein Handeln versteht, so erkennt es in dem aufbrechenden Heil die neuerliche Zuwendung des Ewigen.
Es spricht sich dadurch die wechselseitige Wirkung von Gott und Volk, von Absender und Adressat, von Sprechendem und Hörendem aus. Gott gibt sein Wort und erwartet das verinnerlichende und in Handlung führende Hören seines Volkes, in das wir in der Nachfolge Jesu durch die Taufe aufgenommen sind. Die Befolgung des Wortes bewirkt Heil, denn es weist den rechten Weg.
Die Rückkehr auf Gottes Weg bewirkt einen radikalen Wandel der Kulturlandschaft, mit der unser Predigttext beginnt, die zudem als Synonym für die Menschen selbst stehen können, wenn wir die niedrigen Rebstöcke in Metamorphose zu hohen Zedern als Ausdruck einer Wandlung von Bedrückten und Gebeugten zu Aufrechten lesen.
Die Veränderungen geschehen also nicht nur in der Kulturlandschaft, sondern vollziehen sich auch im sozialen Bereich.
In Umkehr zum vorangehendend Text hieße das, dass das Recht nicht mehr gebeugt wird und die Verblendungen und die Abkehr von Gottes Wort ein Ende haben. Gott muss allein schon um seiner Heiligkeit willen ein Interesse an seiner Schöpfung haben, wie wir das schon bei Abrahams Handel mit Gott in Gen. 18 und Moses Handel mit Gott in Ex 32,11ff wahrnehmen können.
Jesaja kündigt eine Herauslösung, eine Erlösung aus den bedrückenden Zuständen und lebenshinderlichen Strukturen an und verbindet dies mit der Rückschau auf die Zeit der Erzväter. Mit dem Verweis auf die, die als Gesegnete lebten, weil sie in Gottes Worten wandelten, wird den Hörern verdeutlicht, dass auch Sie neuem Heil zugehen, in der Nachfolge des Wortes Gottes.
Beschämung wird aufgehoben, die Blässe des Antlitzes weicht einer gesunden Gesichtsfarbe. Heilvolles Handeln erleben die, die das Gericht als Strafe Gottes zur Läuterung verstehen. Mit der Konzentration auf das Wort und Handeln Gottes, verlieren die Kümmernisse ihre bedrückende Macht. Sie ehren den Allmächtigen und heiligen seinen Namen. Sie geben ihm damit den Platz, der ihm in ihrer Mitte gebührt. Gott bedarf unserer Ehre, so wie er sich durch sein Handeln an den Menschen, an uns selbst Ehre verschafft und durch uns wirken will.
Ich muss meine Predigt an dieser Stelle abbrechen, denn es bedürfte noch mehr Zeit, die Tiefe des Textes auszuleuchten. Ich bin sicher, dass diesem Text noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden kann und sollte. Wenn wir ihn schmecken, wird uns deutlich werden können, dass er auch uns heute hier einiges zu sagen hat. Die Lektüre der Verse 9-16 stellt uns ein Bild vor Augen, das uns nicht wirklich fremd ist, wie ich am Anfang meiner Predigt sagte. Das Wort des Jesaja in eine solche, vergleichbar empfundene Situation hinein, kann und wird auch den nicht unberührt lassen, der es mit offenem Herzen liest und hört. Wir sind die Geschöpfe Gottes, loben unseren Schöpfer, wachsen mit der Lektüre des Wortes an Weisheit und lassen uns belehren, dass Murren kein Zeugnis für die Fröhlichkeit bewirkende Zuwendung und Liebe Gottes ist.
So kann zu einem fröhlichen Zeugen Gottes werden, wer sich auf Gott als den Schöpfer einlässt, sich zu ihm in ein Verhältnis begibt und darauf vertraut, dass er unseren Lebensweg begleitet. Darum, gehen und gestalten wir unser Leben in der Fröhlichkeit über den täglichen Dienst Gottes an uns. Amen.
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