
Pfarrer Kristóf Bálint, 9. Sonntag nach Trinitatis, Mt 7, 24-27
Liebe Gemeinde,
in den zurückliegenden Urlaubstagen war neben der Lebendigkeit unserer Enkelinnen mein größter Gewinn, dass wir nicht ständig von Nachrichten umgeben waren, die mir sonst so unentbehrlich scheinen.
Schon bei der Rückfahrt nach Deutschland wurde mir schlagartig deutlich, wie stark wir doch täglich von Medien geprägt werden. Dabei wird vorwiegend von Negativem gesprochen: Börsencrash, schwarzer Montag, Bombenattentate, unsichere Wertpapiere, „frisches Geld“ (als ob Geld frisch sein könnte!), Unzucht mit Minderjähriger usw.
Gibt es denn nur schlechte Nachrichten? Besteht die Welt wirklich nur aus Problemen? Was ist denn sicher in der Welt?
Banker wüssten sofort sichere Anlagen zu nennen, mit guten Renditeaussichten. Ein Jahr später konnten Sie nicht ahnen, dass alles verloren sein könnte: Besitz gibt keine Sicherheit.
„Wir ernähren uns nur biologisch vollwertig“. Dann kommen da ein paar Sprossen aus Ägypten dazwischen: Essen gibt keine Sicherheit.
„Ich kaufe nur Autos, wenn sie die absoluten Sicherheitsstandards erfüllen“. Dass das Auto von der Seite in den Wagen krachte konnte beim besten Willen niemand ahnen: auch hier gibt es keine absolute Sicherheit.
Je mehr wir auf Sicherheit achten umso deutlicher wird uns bewusst, dass es die nicht gibt. Worauf kann ich dann mein Leben sicher bauen?
In unserer Gesellschaft wird uns immer wieder eingeflötet, dass uns Dinge, die wir besitzen können, die Sicherheit geben, die wir erheischen. Zudem wird uns immerwährendes Glück versprochen, ein Versprechen das durch nichts in der Welt gehalten werden kann. Die Kurzform dieser Sehnsucht lautet „ich will Spaß“ und führt oft in ganz unterschiedliche Abhängigkeiten oder sie führt vor Kreuze am Straßenrand.
Was gibt unserem Leben Halt, Sinn und Erfüllung?
Der König eines weit entfernten Landes war depressiv und fand keine Freude mehr an allem, was er besaß. Er hatte alles, was man für Geld kaufen konnte und war dennoch unerfüllt und fühlte sich leer. Er frug seine Weisen, die ihm allerlei anboten, aber nichts verhieß ihm Lebensfreude. Da kam einer der Weisen auf die Idee. „Suche einen Menschen, der fröhlich ist und ziehe sein Hemd an.“
Die Boten wurden übers Land geschickt, aber sie fanden niemand, der wirklich fröhlich und zufrieden in seinem Leben war. Jeder hatte irgendetwas an seinem Leben auszusetzen, selbst wenn es Kleinigkeiten waren.
Der Verdruss des Königs wuchs, denn es zeigte ihm, dass seine Regentschaft nicht zu den glücklichsten zählte.
Endlich fand ein Bote in einem abgelegenen Seitental des Königreiches einen Hirten der fröhliche Lieder auf seine Flöte blies und die Schafe hütete. Der Bote war wohlgemut und stieg vom Pferd. „He Du, Hirte. Bist du glücklich?“ „Und ob“ entgegnete der Hirte. Die Freude des Boten wuchs an und er bat: „Gib mir Dein Hemd, damit ich des Königs Befehl ausführen und es ihm bringen kann.“ Der Hirte runzelte die Stirn und sagte: „Ich habe kein Hemd. Dafür fehlt mir das Geld.“
Mit Zagen erzählte der Bote dem König, der aufbrausend werden konnte, von seinem Erlebnis. Doch es entlud sich kein Gewitter über ihm, vielmehr dachte der König nach. Am nächsten Tag lies‘ er alle Diener antreten und befahl ihnen mit fröhlicher Stimmung, die sie so lange nicht an ihm wahrgenommen hatten: „Gebt all meine Schätze den Armen, verkauft alles, was nicht wirklich nötig ist. Bis in den letzten Winkel des Reiches geht und verschenkt es, denn das alles brauche ich nicht um fröhlich zu sein.“ Fortan lebten die Menschen in seinem Reich wohlgemut und dankten ihrem weisen König täglich und wurden zufrieden.
Wenn ich wahrnehme, was alles in unserer Gesellschaft und in der Welt passiert, dann gleichen Viele in ihrem Gemütszustand dem König vom Anfang dieser Geschichte. Wir haben so viel und sind doch nicht zufrieden. Nein, es muss doch noch mehr geben, wir wollen immerwährendes Glück.
Offenkundig ist das ein Irrweg, doch schon zu Jesu Zeiten rannten die Menschen auf ihm.
In dem, unserem Predigttext vorangehenden Text geht es um das Tun des göttlichen Willens, der manchmal wie das Gehen durch eine enge Pforte ist. Warum soll ich denn durch eine enge Pforte gehen, wenn es so schöne breite Türen gibt, mit goldenen Klinken und kunstvollen Scharnieren? (zur kunstvollen Ausschmückung dieses Bildes in der Zeit des Pietismus siehe die Bilder unten).
Jesus erklärt das den Hörern und fährt dann fort, unser heutiger Predigttext aus Mt 7:
24Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. 26Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.
Worauf bauen wir? Schon an meinen Eingangsbeispielen wurde deutlich, dass Vieles von dem, was uns Sicherheit verheißt, keine wirkliche Sicherheit gibt. Was aber dann?
Jesus gibt uns auf seine Weise eine Antwort. Es ist die Weise, die unser Denken herausfordert und uns auf der Suche nach einer tragfähigen Antwort verwickelt.
Da sagt niemand, dass er die Lösung schon kennte, die wir nur noch befolgen müssten, sondern er bezieht uns in die Lösungssuche ein. Auf diese Weise wird es zu unserem Weg, den wir gemeinsam gehen, selbstbestimmt und doch nicht allein.
Worauf baut nun ein kluger Häuslebauer? Auf Fels und das nicht nur an häufig Hochwasser führenden Flüssen. Das gibt Sicherheit (auch dazu siehe Bilder unten). Doch was ist nun der Fels, den Jesus meint?
„Wer meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann.“ Es ist das Hören auf Gottes Wort und das daraus folgende „Handeln“ danach, das ihn zum klugen Mann macht.
Unser Predigttext ist der Abschluss der Bergpredigt. In ihr stehen die Seligpreisungen als ein Kernstück jüdischen und christlichen Glaubens. In ihr steht auch die goldene Regel, die in unseren Sprachwortschatz übergegangen ist: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.“(nach Mt 7,12).
Unser Predigttext und die ganze Lehre Jesu sind der Fels, auf dem wir bauen sollen. Es ist ein Fels, auf dem schon die Juden vor Jesus gebaut haben, ihre Thora, die Teil unserer Bibel ist, das „ältere Testament“. Jesus gründet auf ihr und mit ihm auch wir.
Die Seligpreisungen sind ein Höhepunkt dieser Bergpredigt und in ihr steht die Kunde: „7Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“.
Jede dieser neun Makarismen genannten Seligpreisungen, die von César Frank so wunderschön zum Klingen gebracht wurden (siehe Link unten), ist es wert als ein „Felsenwort“ bedacht zu werden. Doch mir scheint, auch angesichts des bevorstehenden Besuches des Nachfolgers Petri in Erfurt, diese Seligpreisung von besonderem Interesse. Sie war für Petrus und kann für uns der Schlüssel aus mancher Enge werden, in die wir uns manövriert haben.
Petrus verleugnete Jesus drei Mal, obwohl Jesus ihn, den Fischer Simon, zum Felsen (Petros) bestimmte, auf den er seine Gemeinde gründen wollte (Mt 16,18). Drei Mal befragt Jesus ihn ob seiner Liebe zu ihm und hebt damit die dreifache Verleugnung in Barmherzigkeit auf. (Joh 21, 15ff)
Barmherzigkeit ist es, derer Petrus und derer auch wir bedürfen. Jesus besitzt, obwohl von Simon verraten, die Fähigkeit mit ihm mitzuleiden, sich dessen Zwiespalt zu Eigen zu machen und zu trauern. Er hat die Großherzigkeit, ihm seine Verfehlung zu vergeben, er barmt nicht herum, sondern erbarmt sich der erbärmlichen Kreatur des Menschen, die Fehler macht – auch wir.
Wenn wir diese Wahrheit auf das Bild vom Haus auf dem Felsen anwenden, dann gibt es täglich genügend Erfahrungen von Wellen, die gegen unser Haus wallen. Der Kollege, der uns mobbt, der Nachbar, dessen stinkender Komposthaufen ausgerechnet an unserer Terrasse und dessen Haus viel zu nah an unserer Grundstückgrenze steht. Der Lehrer, der uns vor den Mitschülern gedemütigt hat.
Die Gischt der Wellen ist hoch, die unser Haus täglich umspülen. Kein Wunder, wenn es unterhöhlt werden kann. Wohl dem, der festen Grund hat: z.B. Barmherzigkeit.
Warum nicht einmal entwaffnend fragen: „Was ist eigentlich der Grund, dass du mich dauernd so schneiden musst? Das hast du doch nicht nötig. Ich schätze Dich doch sehr.“ Oder: „ Ihr Komposthaufen stört uns sehr, wenn wir auf der Terrasse sitzen. Könnte Sie sich vorstellen, einen anderen Platz zu finden? Ich würde Ihnen im Herbst beim Umsetzen helfen.“
Sich in den anderen hineinversetzen wie Jesus es tat, nicht gleich keck und wortgewandt zurückhauen, sondern barmherzig sein. Wir sind auch nicht ohne! Schon gar nicht ohne Bedürftigkeit der Barmherzigkeit.
Wer sein Haus auf Barmherzigkeit baut hat festen Lebensgrund. Wer sein Herz auf Unbarmherzigkeit baut, steht in der Gefahr selbst unbarmherzig zu werden und darf auch selten die Barmherzigkeit anderer erwarten, wenn er sie am nötigsten braucht. Sein Haus wird in Unbarmherzigkeit versinken.
Barmherzigkeit ist ein Fels unseres Lebens. Auf ihm aufbauend, kann unser Lebenshaus stabil den Stürmen der Zeit trotzen. Es heißt auch interessanter Weise nicht, dass es nie Stürme geben kann, wie mancher „wohlmeinende Zeitgenosse“ mit seiner Frage vermutlich unterstellt, wenn er in problematischen Zeiten fragt: „Wo ist nun Dein Gott?“
Natürlich bleiben Probleme, gibt es Gehässigkeiten wie Krankheiten, natürlich gibt es Verluste und große Zweifel, wir sind vor dem Hochwasser, das bisweilen unser Leben bedroht, nicht gefeit, aber wer seinen festen Grund hat, den spült dieses Wasser nicht weg. Der wird nicht untergehen, sondern auch nach der Flut sicher gründen.
Darum hören wir die Rede Jesu und vertrauen wir auf sein Wort, das uns stärken und bewahren will, hier und zum ewigen Leben. Amen.
Link zu César Frank: http://www.youtube.com/watch?v=q68qvDJhX38
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