Predigten

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Pfarrer Kristóf Bálint, 8. Sonntag nach Trinitatis, Jes 2, 1-5

Liebe Gemeinde,

es war im Jahre 1959, als die Sowjetunion den Vereinten Nationen in New York eine große Skulptur schenkte und sie ihr vor das Hauptgebäude stellte (ein zweites identisches Exemplar steht in der Tretjakow-Galerie in Moskau). Sie zeigt eine Friedensvision, die dem Propheten Micha (43) entnommen wurde und auch bei Jesaja (24) vorkommt. Diese mehrere Meter hohe Skulptur wurde von Jewgeni Wutschetitsch, einem russischen Künstler, entworfen und zeigt einen äußerst athletischen und muskulären Mann, der ein Schwert zu einem Pflugschar umschmiedet.

Die Weltöffentlichkeit hat damals kaum Notiz von diesem Ereignis genommen und erst, als es der sächsische Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider 1980 als Aufhänger für die Friedensdekade nutzte, wurde es einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Damals konnte man nicht mal eben ein Paar Aufkleber oder Anstecker herstellen, wie heute, sondern aufwändige Genehmigungsverfahren sorgten dafür, dass nichts Staatskritisches oder Dinge, die dafür gehalten wurden, in Umlauf gebracht werden konnten.

Pfarrer Bretschneider kam wegen der restriktiven Genehmigungsprozedur auf die Idee, dieses Symbol von der Herrnhuter Druckerei Dürninger auf Stoffvlies drucken zu lassen (mehr dazu unter den links am Predigtende). Dies galt als „textile Oberflächenveredlung“ und bedurfte zu dieser Zeit noch keiner Genehmigung. Tausende Aufnäher mit diesem Bild und der Unterschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ wurden gedruckt und kamen unbeanstandet von der Zensur durch die Staatsorgane in den Umlauf und wurden ebenso oft auf Jacken und Taschen genäht.

Anfangs war die Staatsmacht hilflos, es gab schließlich keine Verordnung die das verbot, die Friedensdekade wurde ein Erfolg und nach zehn Tagen beendet, dass Symbol aber, das ursprünglich nur als Einladung zu den Veranstaltungen gedacht war, blieb auf den Jacken und Taschen und ärgerte die staatlichen Aufsichtsbehörden immer stärker.

Ab November 1981 ging die Staatsmacht mit Nachdruck, später mit Brutalität dagegen vor, obwohl das Symbol vom erklärten Kampfesbruder Sowjetunion gefertigt und an die UNO verschenkt worden war, sich bis dahin im Geschichtsschulbuch der 6. Klasse und im Jugendweihebuch fand. Es erregte nie für möglich gehaltenen Ärger.

Ich selbst habe erlebt, wie Jugendliche gezwungen wurden, dieses Emblem von der Jacke abzutrennen. Taten Sie es nicht, wurde es z.T. mit Gewalt aus der Jacke geschnitten oder die Kleidungsstücke beschlagnahmt, Jugendliche wurden von der EOS geworfen, Studienplätze verweigert oder Studenten exmatrikuliert, Lehren ohne Begründung aufgelöst u.s.w. In dieser Zeit wurde dadurch sogar ein Loch in der Jacke zum politischen Bekenntnis.

Ein Symbol hatte eine Wirkmächtigkeit erlangt, die niemand jemals für möglich hielt. Und das Ganze ein Jahr, nachdem der ursprüngliche Anlass, die Friedensdekade 1980, vorbei war.

In Staatsbürgerkundestunden wurde diskutiert, den Aufnäherträgern undifferenzierter Pazifismus als Grund für Wehrkraftzersetzung vorgehalten und sie als friedensfeindlich diffamiert. Besonders die staatliche Friedenspolitik der DDR würde durch diese kapitalistische Provokation verunglimpft. Erinnern Sie sich noch?

Ich selbst war einer dieser renitenten Jugendlichen, die diesen Aufnäher trugen und habe u.a. dafür auch das Abitur nicht machen dürfen und heute predige ich über diesen Text, der Anlass für all diese Aufregung war. Er steht bei Jesaja im 2. Kapitel:
1Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: 2Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 4Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 5Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!


Das ist eine wunderschöne Friedenvision, die Jesaja da hat. Eine Vision, von der wir damals weit entfernt waren und, wenn wir ehrlich sind, es heute noch sind. Damals wie gegenwärtig sehnen wir uns nach Frieden.

Wir wünschen uns den Frieden in Israel und Syrien, wir sehnen uns nach Frieden in Afghanistan und im Irak, wir hoffen auf Frieden im Miteinander der Kulturen in Oslo, London und ganz Europa. Wir sehnen uns nach Frieden auf der Welt insgesamt, nach Frieden in unserer Gesellschaft, in unseren Orten, in unseren Familien – und wir sind dennoch meilenweit davon entfernt.

Jesaja hat diese Vision in einer Zeit, die gleichermaßen von Gewalt und Machtgetöse geprägt ist. Sie ist gar nicht so weit weg von unseren Erfahrungen. Wenn wir das Radio oder den Fernseher anschalten oder die Zeitung zur Hand nehmen, immer scheint nur Gewalt und Unfrieden die Welt und das Handeln der Menschen zu bestimmen. Wie sehr wir Jesaja verstehen und seine Sehnsucht teilen…

Eine Welt frei von Mienen und Waffen, eine Welt frei von der aberwitzigen Idee, dass Krieg Frieden, dass Invasion Freunde, dass Gewalt Gewaltlosigkeit schaffen könnten. Das sind alles Sackgassen, sind alles falsche Fährten. An deren Ende steht niemals Frieden, allenfalls der Katzenjammer.

Wer könnte dies deutlicher sehen und schmerzhafter nachvollziehen als wir Deutschen, fünfzig Jahre nach dem Bau einer Mauer, die ein Land in zwei Hälften teilte und dem Arbeiter- und Bauernvolk mit ihr zu verkaufen suchte, dass die anderen, die auf der Westseite, der Feind sind - Deutsche wie wir.

Und nicht nur bei uns, noch heute trennen andernorts Mauern die Menschen in Zypern und Korea, zwischen Israel und Palästina, zwischen Mexiko und den USA.
Jesaja indessen sieht wirklichen, wirkmächtigen Frieden. Doch wie kann er gedeihen, wie kann ein solches Reich des Friedens entstehen?

Die Vision des Jesaja verheißt, dass die Völker durch die Erkenntnis, dass Gott das Maß aller Dinge ist (Zion höher als alle Berge), getrieben werden und von sich aus erkennen: „so wie wir bislang lebten ist es nicht gut“. Sie kommen zu Gott und bitten um Weisung und Belehrung durch ihn. Sie spüren, dass sie in einem, durch sie unauflösbarem Dilemma stecken. Sie erkennen, dass ihre bisherigen Wege und Lösungsansätze nicht ausreichen und genügen.

Ich habe den Eindruck, dass auch in unserer Zeit eine solche Situation eingetreten ist. Eigentlich haben wir Menschen längst begriffen, dass der Weg des Krieges keinen Frieden bringt. Dennoch verführen die alten Muster in Krisensituationen immer wieder zu den gleichen Fehlern und die Nationen führen die Kriege fort und zetteln neue an. Es gilt schließlich Interessen zu verteidigen, Rohstoffbasen und Einflusshemisphären zu sichern.

Wir haben längst begriffen, dass wir mitten in diesen Auseinandersetzungen stecken, dass wir uns nicht raushalten können, wenn plötzlich in unserer Mitte, Bomben explodieren, von Jugendlichen an ihrem Körper gezündet oder von Erwachsenen in Autos versteckt. Nie mehr Sicherheit. Nie mehr Frieden?

Ich finde die Vision des Jesaja verlockend und zugleich so fern unserer Realität, dass ich mich frage – ist das überhaupt möglich?

In Jesus, dem Juden, hat Gott den Weg für uns aufgezeigt. In ihm ist ER ihn gegangen bis zur letzten Konsequenz. Er hat sich nicht beirren lassen von der Meinung der Politiker und Meinungsmacher, er ist ihn gegangen – gewaltlos, voller Liebe selbst für den, der ihn nicht mochte, und selbstlos. Diese Liebe überwand die Gewalt, ja überwand den Tod selbst. Aus dem Ende wurde ein neuer Anfang.

Jesajas Vision ist nicht von uns Menschen machbar, so sehr wir uns auch strecken und mühen. Jeder, der mit klarem Verstand um sich sieht, wird wissen, dass wir Menschen zu solch umfassendem Frieden aus eigener Kraft nicht in der Lage sind. Wir schaffen das oft schon nicht im Kleinen.

Aber, und das ist das Mutmachende dieses Textes, dieser Frieden ist ansatzweise möglich: im Kleinen wie im Großen. Wo Menschen von sich ab und auf andere hinsehen, wo Menschen erst nach Gottes Willen fragen und nicht nach ihrem Vorteil, wo Menschen ins Gebet gehen und stille werden, statt lautstark ihre Rechte und Vorteile zu verteidigen – da keimen Frieden und Versöhnung.

Zwar (noch) nicht so umfassend, wie in Gottes Reich, zwar oft noch von vielen Dingen gefährdet, aber als ein Puzzlestein des großen, uns allen verheißenen Friedens.
Fangen wir damit an, heute hier in Stotternheim und den Orten, aus denen wir kommen. Fragen wir nach dem Weg, den Gott für uns bereit hat, dann wird er sich vor uns öffnen, dann wird Frieden möglich – im Großen wie im Kleinen. Das wünsche ich uns, Gottes Frieden wünsche ich uns. Amen.

Links zum Thema der Predigt:

http://www.friedensdekade.de 
http://www.zivil.de 
http://www.stiftung-aufarbeitung.de/der-gefaehrliche-schmied-2411.html
http://www.friedensdank.de/fridank/friedensm.htm#Friedensfeste

Schwerter zur Pflugscharen
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