Die Gräber

Galerie der Gräber

­ ­














Die Geheimnisse im Boden der Stotternheimer Kirche St. Peter und Paul


Anfang des Jahres 2001 sind die umfangreichen Sanierungsarbeiten in der evangelischen Kirche soweit vorangeschritten, dass der Bodenbereich in Angriff genommen werden kann. Die gelblichen Fliesen und die uralten Bohlenbretter wurden entfernt.
Zum ersten Mal seit 1824 erfolgte nun eine Öffnung des Bodenbereiches vor dem Altar. Bis zu jener Zeit lagen hier für alle Gottesdienstbesucher ersichtlich, die Grabplatten der unterschiedlichsten Familien, die an dieser Stelle ihre besonderen Erbbegräbnisstätten besaßen. Dann entschied der Kirchgemeindevorstand, die Abdeckung mit Bohlen und damit endeten auch die Bestattungen im Kirchenschiff.

Das Recht innerhalb der Kirche bestattet zu werden, besaßen die tätigen Pastoren und ihre nächsten Familienangehörigen, die im Dorf ansässigen Adelsfamilien und besondere Wohltäter von Kirche und Gemeinde. Belege hierfür finden sich ausreichend in der Stotternheimer Dorfchronik und dem Sterbebuch.
Der Letzte, der in der alten Kirche beigesetzt wurde, war am 7. Juni 1695 Pfarrer Georg Heintze. Wie alle tätigen Geistlichen wurde er mit dem Gesicht der Gottesdienstbesucher zugewendet in sein Grab gelegt, während alle anderen Bestatteten mit dem Gesicht dem Altar zu beigesetzt wurden. Was mit den angelegten Gräbern vor 1703 geschah ist nicht ermittelbar, doch da die neue Kirche auf dem Grund der alten errichtet wurde, könnte davon ausgegangen werden, dass sie erhaltengeblieben sind.
1703 begann der Bau der heutigen Kirche St. Peter und Paul. Die Arbeiten konnten 1704 abgeschlossen werden und schon zwei Jahre später, innerhalb von 5 Monaten, fanden die ersten drei Beisetzungen vor dem Altar statt: Pfarrer Tobias Margraf, Fräulein von Ziegler und Fräulein von Staff. Während die beiden ersten Einwohner des Dorfes waren, gibt die dritte Beisetzung noch immer Rätsel auf. Im Kirchenbuch ist zum Stand des Vaters „Generalmajor“ angegeben und auch sonst ist nichts zu einem ständigen Wohnsitz im Dorf erwähnt. Hierfür sind somit noch umfassende Forschungsarbeiten nötig.
Bis zur endgültigen Schließung des Bodenbereichs vor dem Altar fanden noch 13 durch Einträge im Kirchensterbebuch bzw. der Dorfchronik belegbaren Beerdigungen statt, sowie 5 weitere, die ein Recht auf diese Ehre besaßen und aus irgendeinem Grund nicht schriftlich erwähnt sind.

Beim Öffnen des Boden 2001 treten drei Grabplatten zutage, die den „Erbbegräbnisstätten“ der adligen Familien von Ziegler und von Brettin, sowie der Freisassfamilie Braun gehörten. Sie sind durch den Verschluss im Boden sehr gut erhalten. Die älteste stammt aus dem Jahre 1716 und die jüngste von 1758.
Die mittelste Grabplatte gehörte Jacob Joachim von Brettin und enthält neben den Lebensdaten auch eine kurze Notiz zu seinem Wirken:

DIESEN ORT HAT VOR SICH UND DIE SEINIGEN ZUR RUHESTÄTTE
ERWÄHLET
JACOB JOACHIM VON BRETTIN
IN ERFURT GEBOREN D. 1. OKTOBER AO.MDCLXVIII
GESTORBEN IM JAHRE 1758 D. 12. MAI
BEI DENEN HOCHMÖGENDEN STAATEN DER VER
EINIGTEN NIEDERLANDEN GEWESEN CAPITAN
UND ERWARTET ALLHIER
EINE FRÖHLICHE AUFERSTEHUNG ZUM EWIGEN
LEBEN


Weiter unten, als Nachtrag wurde erwähnt: MARIA CHRISTINA V. BRETTIN GEB. 9. JUN. GEST. 10. AUG. 1714.
Die Familie von Brettin bewohnte seit 1646 ein Gut am damaligen Untertor, dem Dorfausgang in nördliche Richtung, das noch heute erhalten ist.

Die rechte Grabplatte bedeckte das Erbbegräbnis der Familie Braun. Georg Tobias Braun stammte aus Werningshausen und übernahm mit seiner Eheschließung 1697 mit Christina Elisabeth Sömmering, dass Gut des erst vor kurzem verstorbenen Schwiegervaters in der heutigen Riethgasse 8. Das einzige Kind des Paares, Maria Rebecca, wurde kurz vor ihrem 15. Geburtstag an den wesentlich älteren Christoph Wilhelm Uthe verheiratet. Nach zwei kurz hintereinander folgenden Geburten 1714 und 1715, verstarb sie am 13. Januar 1715 in Schwansee. Beigesetzt wurde sie im Erbbegräbnis in Stotternheim. 1719 folgte ihr bereits der Vater und die Mutter, die noch einmal eine Ehe mit Elias Meyer eingegangen war, im September 1749. Wie das Kirchenbuch berichtet, wurde bei der letzten Gruftöffnung 1749, die Eheringe von Maria Rebecca Uthe und Tobias Braun entnommen und für „gute Zwecke“ verwandt.

Es war nicht geplant, die Grüfte zu öffnen. Nur die Grabplatten sollten zum Schutz vor Beschädigung während der Bauarbeiten entfernt werden. Doch unbeabsichtigt traf eine Spitzhacke den linken ziegelsteingemauerten Gruftbogen, so dass einige Steine herausbrachen und damit nun doch einen Blick ins Innerste gewährten.

Deutlich sind zwei dem Altar zugewandte, gerade ausgestreckt liegende Skelette zu erkennen, die Wirbelsäule und die Beine, sowie am linken Skelett im Hüftbereich noch schwarze Fasern von einstiger Kleidung.
Es handelte sich hierbei, wie die Grabplatte zeigte, um das Erbbegräbnis der Familie von Ziegler und zu sehen sind Frau Martha Christiane von Ziegler geborene von Ziegler und ihre Tochter Magdalena Friederice von Ziegler. Martha Christiane war mit ihrem Großcousin Jacob Sigismund von Ziegler ab 1681 verheiratet, der hauptsächlich in militärischen Diensten tätig war. Seit 1683 bewohnte die Familie den Siedelhof in Stotternheim, wo auch weitere drei Töchter zur Welt kamen. Sie überlebte ihren Gatten um 16 Jahre. 55jährig starb sie am 1. August 1716 und wurde am 3. feierlich beigesetzt. Das Kirchenbuch berichtet hierüber: „Den 1. August, bald nach sieben Uhr abends ist die wohlgeborene Frau Obristleutnant von Zieglern aus dem Hause der gelobenen Martha Christina im Herrn sanft und selig entschlafen und den 3. August abends um 9 Uhr unter Läutung der Glocken und Absingung zweier Lieder et benedictione in der Kirchen in ihr Erbbegräbnis in der Kirche eingesenket worden...“ Das zweite Skelett gehörte der Tochter Magdalena Friederice, die 10 Jahre zuvor erst 18jährig verstorben war.

Am Freitag, dem 23. März 2001, wurde der neue Betonfußboden gegossen und die Grüfte darin für ewig versiegelt.

Karola Hankel-Kühn